Tiroler Tageszeitung 1945
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- S.39
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Sseissluhrg: —
Herausgegeben von den französischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung
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lummer 26/ 1. Jahrgang 8
Redaktionelle Einsendungen und Anfragen sind zu richten an Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4. — Druck: Tyrolia, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4
Samstag, 21. Juli 1945
Die mageren Jahre
Seit sieben Jahren steht unser Magen unter dem militärischen Exerzierreglement. „Was! Bei Ihnen gibt es noch Sahne? Ja sogar noch Butter?“ Das war die hocherstaunte Frage der ersten Besucher von „draußen“ während der ersten Monate nach dem überfatl. Dann verschwanden diese guten Dinge, die man vielleicht gar nicht einmal so sehr geschätzt hatte, still und lautlos, eines nach dem anderen, auch vom Tische der österreicher. Das war bereits die Vorbereitung für die Rationierung, mit deren Hilfe die Verteilung der Genuß= und Verbrauchsgüter während des Krieges geregelt wurde. Die Lebensmittelkarten zählten zu den unangenehmsten Erinnerungen derjenigen, die den ersten Weltkrieg miterlebt und — wenigstens vom letzten Teile dieses Krieges darf man dies sagen — mitgehungert hatten. Es war kein freundliches
Wiedersehen, als sie beim Beginne des von Hitler der Welt mutwillig aufgezwungenen Krieges aufs neue erschienen. Die Bürokratie hatte sich für die neue Anwendung des Kartenwesens die früheren Erfahrungen zunutze gemacht. Doch was nützten die Verbesserungen des Kartensystems, wenn die Güter, die mit seiner Hilfe verteilt werden sollten, immer mehr zusammenschmolzen? So wurden die Karten immer mehr zu einem Sinnbild der wachsenden Not und die von Sorgen erfüllten Menschen sagten sich immer häufiger: Zum Schlusse werden uns nur noch die Karten bleiben. Die reißenden Fortschritte im Verfall der Ernährungswirtschaft legten jedem Denkenden etwa im Spätwinter dieses Jahres die Frage vor: Wird während der Sommermonate überhaupt noch mit regelmäßigen Zuteilungen gerechnet werden können? Werden wir
den übergang bis zur neuen Ernte aushalten? Unter der Voraussetzung, daß der Krieg angedauert hätte, wären die Aussichten selbst für den Fall einer guten Ernte nicht freundlicher geworden. Nicht mehr bloß Mangel und Entbehrungen, sondern schreiender Hunger drohte sich auf dem Thron des Jahresregenten zu erheben.
Das Ende des Krieges zeitigte Erscheinungen, die in unserem kleinen Lande als besonders drückende Belastungen der Ernährungslage empfunden werden mußten. Wir denken an den Zustrom der Flüchtlinge, die in manchen Orten Tirols die Zahl der Bewohner um das Doppelte vermehrten. An und für sich war ja das Land schon während der Naziherrschaft durch systematische überfremdung über die normalen Verhältnisse angefüllt worden. Die Auflösung der Armeen warf neue Gäste in die Dörfer. Die Besatzungstruppen forderten ihren Anteil. Die Tausende von Fremdkarbeitern und Kriegsgefangenen mußten versorgt und verpflegt werden. Die verantwortlichen Männer, die sich um das Ernährungswesen im Lande zu kümmern haben, standen vor Schwierigkeiten, wie sie größer nicht gedacht werden können. Es scheint fast wie ein
Wunder, daß es gelungen ist, den größten Teil des besonders kritischen Zeitraumes in einer erträglichen Weise zu überstehen.
Wenn wir immer wieder zagen müssen, bevor wir die Schwelle der sicheren Geborgenheit erreicht haben, wenn unsere Hausfrauen, diese stillen Heldinnen der Notzeit, von denen niemand spricht, obwohl jede einzelne von ihnen durch Dulden und Leiden sich ausgezeichnet hat, so oft mit Beklemmung erfüllt werden, so liegen die Ursachen nicht zuletzt auch in einem Mangel an Voraussicht und an Disziplin. Es rächt sich jetzt, daß jene Lager und Magazine geplündert wurden, deren Vorräte, wie wir heute wissen, tatsächlich ausgereicht hätten, um uns den übergang zu einer besseren Versorgungslage zu ermöglichen. Nicht umsonst hat auch der Herr Landeshauptmann sich jüngst in sehr entschiedener Weise gegen jenes Hamstern ausgesprochen, das oft nicht so sehr der Not als dem Wunsche, „gut“, das heißt „friedensmäßig“ zu leben,
entspringt. Der wahre Feind einer geregelten Versorgungist der Mann, der „um jeden Preis“, und möglichst viel von den so wertvollen Gütern an sich reißen will, die für die gesamte Volksernährung wichtig sind.
Da wir nicht mehr im Kriegszustand leben, ist es uns gestattet, Vorsorgen dafür zu treffen, daß die Ernährungslage nicht weiter abgleitet. An solchen Bemühungen fehlt es nicht. Die Zurückführung der Bevölkerungszahl auf
ein für die Ernährung erträgliches Ausmaß ist im Gange. Gleichzeitig werden Bemühungen entfaltet, um Fäden für einen ersprießlichen Warenaustausch zu knüpfen. Wir hören auch Stimmen aus Ländern mit ungebrochener Wirtschaftskraft, die dafür eintreten, die Völker des europäischen Kontinents den Gefahren einer Wirtschaftskatastrophe zu entreißen. Das sind Anzeichen, die uns mit Mut erfüllen dürfen.
Jede Nachkriegszeit ist bitter. Erinnert man sich nicht mehr an das Elend von 1918/19? Ein Mann, dessen frühe Jugend in die Zeit nach den Kriegen von 1866 fiel, erzählte mir oft, wie in den Bauernhäusern damals das
Brot rar war. Einer der tiefsten Eindrücke, der dem Knaben von der Geschichte seines Heimatdorfes im Gedächtnis blieb, war die der Pfarrchronik entnommene Erzählung, wie die Leute nach den Kriegen des beginnenden 19. Jahrhunderts ihren Hunger mit dem Gras der Felder stillten, Solche Erinnerungen füllen gewiß nicht den leeren Magen: aber sie gemahnen uns, daß nicht unsere Generation allein gegen Not und Elend zu kämpfen hat. Sie fordern uns auf, mit mutiger Entschlossenheit ein Schicksal zu überwinden, dessen Meisterung durch unsere Kräfte vollbracht werden kann und vollbracht werden muß. Dr. Anton Klotz.
in Innsbruck verhaftet
Der Informationsminister der Vichy=Regierung ist in Innsbruck vom Sicherheitsdienst der 1. französischen Armee verhaftet worden. Von Frankreich aus startete ein Flugzeug, um den Verhafteten nach Paris zu bringen.
Die Vereinigung der Freunde Österreichs dankt Herriot
Die Vereinigung der Freunde Österreichs, die ihren Sitz in Paris, 85 Rue Lasayette, hat, richtete an Edouard Herriot, der die angebotene Präsidentschaft annahm, folgendes Danktelegramm: „Die Vereinigung der Freunde Österreichs ist glücklich, unter Ihrer Präsidentschaft zu stehen, und dankt Ihnen für den großen Beitrag, den Sie damit der französisch=österreichischen Freundschaft ge
leistet haben.“ Auch wir sind überzeugt, daß Herriot, der Österreich gut kennt, als Präsident der Vereinigung der Freunde österreichs der rechte Mann am rechten Platz ist.
Verteidiger des Dollfuß=Mörders verhaftet
Bregenz, 20. Juli. Dr. Erich Führer, der Verteidiger des Dollfuß=Mörders Planetta, ist hier von der Militärregierung verhaftet worden. In seinem Besitz befanden sich Juwelen im Werte von 200.000 Mark. Als Belohnung für die Verteidigung von Otto Planetta, der zusammen mit Holzweber den Bundeskanzler Dr. Dollfuß ermordet hatte, wurde er zum Leiter des nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes in Wien bestellt.
Vor der Invasion in Fapan
Guam, 19. Juli. Wie Reuters Sonderkorrespondent von einem Fachmann für japanische Angelegenheiten erfährt, liegt der Hauptgrund für den gänzlichen Mangel einer japanischen Luftabwehr gegen die amerikanischen Streitkräfte, der während der letzten Zeit erkennbar war, in dem ständigen Zwist zwischen den maßgebenden Offizieren des Heeres und der Industrie. Das Vorgehen alliierter Kriegsschiffe gegen die japanische Küste wird offiziell als eine Ankündigung gedeutet, daß in Japan innerhalb 90 Tagen oder sogar noch früher eine Invasion stattfinden wird.
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New, York, 20. Juli. Der Korrespondent der „New York Times“ gibt einen Augenzeugenbericht von Bord eines Schlachtschiffes über die Bombardierung des japanischen Gebietes in der Entfernung von 55 Meilen von Tokio.
Der bisher größte Luftangriff
Guam, 20. Juli. In den letzten 24 Stunden wurden mit äußerst geringen Verlusten zwei Groß=Luftangriffe gegen Ziele in Japan durchgeführt. Von über 600 Superfestungen, dem größten bisher eingesetzten Verband, gingen gestern nachts nur zwei verloren. 4000 Tonnen Brandbomben wurden auf vier Städte der japanischen Hauptinsel Hondo geworsen. Die Ziele waren die Stadt Hitachi an der Ostküste, deren große Kupferwerke durch das britisch=amerikanische Flottenbombardement vom Dienstag schwer beschädigt wurden, ferner zwei andere Rüstungszentren und einer der größten japanischen Fischerhäfen. Auch eine große Olraffinerie bei Osaka ging in Flammen auf. Im ganzen brannten bisher große Teile von 46 japanischen Städten.
Jagdbomber griffen Eisenbahn und Küstenverteidigungsanlagen auf Kyushiu an. Der Haupthafen der Insel, Kagoshima, wurde durch das Bombardement der Eisenbahntunnels so gut wie isoliert. In ausgedehnten Luftangriffen im Raum zwischen Kyushiu und Schanghai wurden abermals 50 japanische Schiffe zerstört.
Oberstleutnant Josef Wunsch wurde zum Kommandanten der Sicherheitswache des lizeipräsidiums in Innsbruck ernannt. Er wurde nach der Ermordung des Majors Hickl an die Spitze der städtischen Polizei gestellt. Nach dem März 1938 wurde er verhaftet und bis zum Jahre 1941 zuerst im Landesgericht Klagenfurt, dann in den Konzentrationslagern Dachau und Neuengamen in Schutzhaft genommen.
König Leopold verzichtet nicht
Salzburg, 20. Juli. In einer Unterredung mit einem Vertreter der amerikanischen Armeezeitung „Stars and Stripes“ erklärte gestern König Leopold, daß er entschlossen sei, nicht auf seinen Thron zu verzichten, solange dem belgischen Volk nicht Gelegenheit gegeben werde, in einer freien und ehrlichen Wahl seine Führung zu wählen.
Diese Erklärung des Königs ist eine Antwort an das Parlament, das ihm durch die Annahme des Regentschaftsgesetzes die Rückkehr nach Belgien ohne vorherige Erlaubnis durch das Parlament verwehrt hat.
In der Unterredung rechtfertigte der König sein Verhalten bei der belgischen Waffenstreckung. „Es ist kein wahres Wort an den Gerüchten“, so erklärte er, „daß ich die Waffenstreckung der belgischen Armee vorausgeplant, oder sogar mit Deutschland vorher verabredet habe. Ich gab mich gesangen, anstatt mit meiner Regierung nach Frankreich oder England zu fliehen. Ich bin von den Deutschen als Kriegsgefangener behandelt worden.“ Der König wies ferner die Behauptung zurück, daß der Vater seiner zweiten Gemahlin, die er während seiner Kriegsgefangenschaft geheiratet hat, mit den Deutschen zusammengearbeitet habe.
Die 4. marokkanische Division präsentiert am 25. März 1945 in Mülhausen
(Photo: Thierry)
Ein Hirtenbrief der bayrischen Bischöfe
Eichstätt, 20. Juli. Die bayrischen Bischöfe, die am 28. Juni zu einer Konferenz zusammentraten, haben einen Hirtenbrief erlassen, in dem es u. a. heißt:
„Wir müssen wieder ein durch und durch christliches Volk werden, tapfer und mutig im Bekenntnis des Glaubens, treu und verläßlich in der Erfüllung unserer heiligen Pflicht.“ Der Hirtenbrief spricht von der Wiederherstellung der Familie als ein unantastbares, gottgeweihtes und gottgesegnetes Heiligtum. ermahnt zur christlichen Erziehung der Kinder, zur Hochhaltung der Reinheit des Lebens. „Der Geist und die Werte des Christentums“ so fährt der Hirtenbrief fort, „sollen die Wunden heilen, die der Haß und der Neid geschlagen haben.“ — über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sagt der Hirtenbrief:
„Ein Teil der Menschheit und darunter leider in führender Rolle herrschende Geister und Gruppen in unserem Vaterland haben. in der Vergangenheit einen Krieg auf Leben und Tod gegen den wahren Gott geführt. Wir Bischöfe waren wegen unserer pflichtgemäßen Ablehnung der Irrtümer und Gewalttaten des Nationalsozialismus zugleich mit unserem Klerus erster Anfeindung und Bekämpfung ausgesetzt.“ — Wiederholt haben sich die Bischöfe an Hitler selbst gewendet. Doch diese Bitten und Vorstellungen blieben ohne Erfolg. Der größte Teil des katholischen Volkes in Deutschland hat unter dieser Vergewaltigung der Glaubensfreiheit schwer gelitten. Die Bischöfe verweisen dann auf die Rundfunkansprache des Papstes vom 2. Juni. in der die Zuversicht zum Ausdruck gebracht wird, „daß sich das deutsche Volk wieder zu neuer
Würde und zu neuem Leben wird erheben können, nachdem es das barbarische Gespenst des Nationalsozialismus von sich geworfen und die Schuldigen ihre begangenen Verbrechen wieder gesühnt haben werden.“
Neues aus aller Welt
Erfindung eines neuen Rönigenschirmes Salzburg, 20. Juli. Der Chemiker Mac Gregor, der sich seit 1940 mit der Erfindung eines neuen Röntgenschirmes, dessen Herstellung einfacher und billiger werden soll als die der jetzigen, befaßt, will in Salzburg eine Röntgenstation errichten.
Schweres Eisenbahnunglück bei München München, 20. Juli. In der Nähe von München ereignete sich ein Zugszusammenstoß, bei dem 110 Menschen getötet und 120 verletzt worden sind. Ein Signalwärter wurde verhaftet.
Paul Valery gestorben Paris, 20. Juli. Der französische Schriftsteller Paul Valery ist heute in Paris im Alter von 74 Jahren gestorben. Valery. einer der besten Stilisten der französischen Literatur, war Dichter, Philosoph und Mathematiker. Als Präsident des Völkerbundskomitees für Kunst und Literatur wurde er als eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Weltliteratur anerkannt. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und war Mitglied der französischen Akademie