Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 2 Nr. 157
Tiroler Tageszeitung
Donnerstag, 27. Dezember 1945
Die Weihnachtsöolschaft des Hapsten
Österreich und das Berchtesgadner Land
Von unserem Wiener A. R.=Berichterstatter
Rom, 26. Dez. Am Heiligen Abend strömten 1½ Millionen Menschen zur Mitternachtsmesse in die römischen Kirchen.
Papst Pius XII übermittelte heute über den Vatikansender seine Weihnachtsbotschaft an die Welt. In ihr heißt es u. a.: „Wie viel inständiges Beten war nicht in jenen langen Kampfjahren zum Throne des Höchsten emporgestiegen, auf daß er die Tage der Betrübnis abkürze und das Erbarmen Gottes die Menschheit wiederum Weihnachten feiern lasse. Daß nach dem Siege zu Lande, auf dem Meere und vor allem in der Luft die Herzen all der Vielen nicht mehr mit Furcht und Todesangst erfüllt zu sein brauchen, für diese Wendung der Dinge sei von uns allen dem Allmächtigen in Demut Dank gesagt.
Haben wir den Frieden auf Erden, den wahren Frieden? Nein!
Sondern nur die Nachkriegszeit, ein schmerzlicher und allzu bezeichnender Ausdruck. So bleibt auch diese Weihnacht eine Zeit der Erwartungen, der Hoffnung und des Gebetes zum Mensch gewordenen Sohne Gottes, damit er der Welt seinen Frieden gebe. Der Papst erklärte dann
die Bedeutung der Kardinalserhebungen der ersten seit dem er den Stuhl des Heiligen Petrus bestiegen habe. Noch nie seien in einem und demselben Konsistorium so viele Kardinäle wie diesmal kreiert worden. Damit ist die Vollzahl des heiligen Kollegiums wieder erreicht.
Eine besondere Eigentümlichkeit der diesmaligen Kardinalsernennungen wird die Verschiedenheit der Nationen sein, denen die Kardinäle angehören.
In der langen Zeit, in der das italienische Volk der Kirche ihr Oberhaupt und einen großen Teil der Mitarbeiter des Hl. Stuhl gegeben hat, hat die Kirche stets ihren übernationalen Charakter gewahrt. Man denke z. B. an den Kampf um die Vorherrschaft der europäischen Nationalstaaten und großen Dynastien in den vergangenen Jahrhunderten. Der italienische Klerus war immer eine zuverlässige Stütze für die übernationalität der Kirche. Wir wünschen und bitten, daß es so bleibe. Auf jeden Fall erfordern die gegenwärtigen Verhältnisse eine besonders wachsame Pflege jener übernationalen und unteilbaren Einheit der Kirche.
Die katholische Kirche, deren Mittelpunkt Rom ist, ist übernational
Die Kirche ist Mutter, eine wahre Mutter aller Nationen und Völker, nicht weniger als aller Menschen insgesamt und jedes einzelnen von ihnen. Gerade weil sie Mutter ist, gehört sie nicht und kann sie nicht ausschließlich diesem oder jenem Volk gehören und auch nicht einem Volke mehr und den anderen weniger, sondern allen in gleicher Weise. Die Kirche ist ein unteilbares Ganzes. So tief und fest verwurzelt ist die Kirche mitten hineingestellt in die gesamte Menschheitsgeschichte, in das bewegte und aufgewühlte Kampffeld auseinanderstrebender Kräfte und sich widerstreitender Richtung, obwohl allen möglichen Anstürmen gegen ihre unteilbare Ganzheit ausgesetzt, daß sie vielmehr noch aus ihrer eigenen Ganzheit und aus ihrem Einheitsleben immer neue Heils= und
Einigungskräfte ausstrahlt und einströmen läßt in die zerrissene und zerteilte Menschheit. Es war ein frevelhaftes Unternehmen gegen Christus in seiner Ganzheit und gleichzeitig ein unheilvoller Anschlag auf die Einheit des Menschengeschlechtes, so oft man versucht hat und noch versucht, die Kirche gleichsam zu einer Gefangenen und Sklavin dieses oder jenes Einzelvolkes zu machen. Ein veralteter Liberalismus wollte ohne
oder gegen die Kirche mittels einer Laienkultur und eines verwerflichen Humanismus eine Einheit schaffen. Da und dort folgte als Frucht seiner auflösenden Tätigkeit und gleichzeitig als sein Feind der Totalitarismus.
Der Papst bezeichnete als Grundvoraussetzungen eines wahrhaft dauerhaften Friedens
1 Die Zusammenarbeit, den guten Willen und das gegenseitige Vertrauen der Welt.
2. Zu diesem Zwecke muß überall darauf verzichtet werden, durch die Macht des Geldes und eine willkürliche Zensur, durch parteiische Beurteilungen und falsche Behauptungen künstlich eine sogenannte öffentliche Meinung zu schaffen.
3. Das Friedensgebäude würde ins Wanken geraten, wenn man nicht den totalitären Ansprüchen, wo immer sie auftreten, sich widersetzt.
Das zukünftige Friedenswerk will jede aggressive Gewaltanwendung aus der Welt verbannen. Wer würde ein solches Vorhaben nicht von Herzen begrüßen? Wenn es aber nicht nur eine schöne Geste sein soll, muß alle Unterdrückung und Willkür nach innen und außen beseitigt werden. Es gibt nur eine Lösung: Rückkehr zu Gott und der von Gott gesetzten Ordnung. Je mehr sich die Schleier um Werden und Wachsen der Kräfte lüften, die den Krieg zum Ausbruch brachten, um so klarer zeigt sich. daß sie Irrtümern verfallen waren, deren wesentlichstes Element die Entfernung und Bekämpfung von christlichen Grundsätzen war. Wenn also hier die Wurzel des übels liegt, gibt es nur ein Heilmittel: Zurück zur gottgesetzten Ordnung, auch in den Beziehungen zwischen Staaten
und Völkern, zurück zum wahren Christentum im Staat und unter den Staaten. Man sage nicht, das sei keine Realpolitik. Die Erfahrung sollte gezeigt haben, daß die nach christlichen Grundsätzen ausgerichtete Politik die beste ist. Die Politiker, die anders denken, schaffen nichts als Ruinen.
Mit warmen Worten trat der Papst für die menschliche Behandlung und baldige Rückführung der Kriegsgefangenen ein.
Der Papst forderte insbesondere den jungen Klerus in Italien und in der ganzen Welt auf, eine Stütze für die übernationalität der Kirche zu bilden.
Aus den Weihnachtsbotschaften der Staatsmänner
Präsident Truman: Die Bergpredigt — weisestes Gesetz
Präsident Truman sagte in seiner Weihnachtsansprache anläßlich der Entzündung der Lichter am Weihnachtsbaum der Nation u. a.:
„Ich glaube fest daran, daß es weder für unsere Nation noch für die ganze Welt ein einziges Problem gibt, das nicht im Geiste der Bergpredigt einer Lösung zugeführt werden könnte.“
Weihnachtsbotschaft des englischen Königs
London, 26. Dez. König Georg von England richtete heute eine Weihnachtsansprache an die Nationen des britischen Empire. Der Monarch wandte sich besonders an die jüngeren Angehörigen der britischen Streitkräfte und führte aus, sie sollten das Leben nicht nach dem, was sie während des Krieges erlebten, beurteilen. Sie sollten Vertrauen in das Leben haben und die gleiche Furchtlosigkeit, die sie in der gefahrvollen Vergangenheit bewiesen, nun auf ein glücklicheres Ziel lenken.
In einem offenbar inspirierten Artikel schreibt das Regierungsorgan „Neues österreich“:
Bundesminister Dr. Gruber hat kürzlich mitgeteilt, daß Österreich aus verkehrstechnischen Gründen eine Grenzkorrektur gegenüber Bayern wünscht, daß das Berchtesgadner Land wieder innerhalb der österreichischen Grenze liegen soll. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß das Berchtesgadner Land eine Einsackung in das Salzburger Gebiet bildet, so daß jetzt die direkte Verbindung zwischen Salzburg und Tirol über bayerischen Boden geht. Die kürzeste Verbindung von Salzburg über Bad Reichenhall nach Lofer ist nur 47 Kilometer lang, die längste Verbindung über bayrischen Boden 69 Kilometer. Wer aber die Unannehmlichkeiten scheut, die auch in Friedenszeiten dem Verkehr im doppelten Grenzübertritt erwachsen, und dann den Weg von Salzburg nach Tirol über
österreichischen Boden zurücklegen will, der muß die Route über Bischofshofen nehmen, die um fast 100 Kilometer länger ist als die kurze Verbindung über Bad Reichenhall Es sind daher rein praktische Erwägungen, die den Wunsch nach Eingliederung des Berchtesgadner Landes an Salzburg zeitigen. Irgendwelche imperialistische Gedanken von Gebietsgewinn liegen ihm vollkommen fern.
Die Wünsche des Landes Salzburg gehen freilich weiter. Sie umfassen auch den Wiederanschluß des sogenannten Ruppertiwinkels, das ist das Land westlich der Salzach, das ungefähr die heutigen bayrischen Bezirksämter Laufen und teilweise Berchtesgaden umfaßt und im Norden bis
neue Kardinalkollegium
42 Nichtitaliener und 28 Italiener
Das Kardinalkollegium umfaßt nunmehr wieder 70 Mitglieder. Sie kommen aus 24 verschiedenen Ländern. 28 sind Italiener und 42 nicht. Von den 70 Kardinälen entfallen auf Europa 51, auf die übrige katholische Welt 19. Nach den verschiedenen Nationen betrachtet, verteilen sie sich wie folgt: Italien 28, Frankreich 7, Deutschland 4, Spanien 4, Portugal 1, Österreich 1, Ungarn 1, Polen 1, Belgien 1, Kanada 2, USA. 5, Kuba 1, Argentinien 2, Brasilien 2, Chile 1, verschiedene Länder im Fernen Osten je einen, und zwei aus der orientalischen Kirche. (Radio Vatikan.)
Zugos "awien fordert Wiederaufbau des Triefter Hafens
Der Belgrader Rundfunk brachte die Meldung eines Berichterstatters aus Triest, in der es heißt, daß in der letzten Sitzung des Befreiungskomitees von Triest eine Resolution folgenden Inhalts angenommen wurde: Die Wünsche der Triester Bevölkerung über den Wiederaufbau des Triester Hafens sind bis jetzt nicht erfüllt worden. Von den 32 Hafengebäuden, die teilweise oder völlig zerstört wurden, ist nur ein Haus wieder nstandgesetzt. Die versenkten Schiffe wurden bis jetzt nicht gehoben. In der Resolution heißt es serner, daß die Regierung der tschechoslowakischen Republik den Wunsch geäußert habe, daß die Waren der UNRRA. und auch verschiedene andere ür die Tschechoslowakei bestimmte Waren über Triest geleitet werden sollen. Der Wunsch der
Tschechoslowakei fand jedoch aus unbekannten Gründen keine Berücksichtigung. Alle für die CSR. bestimmten UNRRA.=Sendungen gehen über Venedig oder Bremen und Hamburg. Dadurch entsteht ein großer Ausfall für den Hafen Triest und die Arbeiter. Angesichts dieser Tatsache wandte sich die Triester Bevölkerung an die englischen Behörden mit dem Antrag, die Eisenbahn= und Seeverbindungen mit Triest herzustellen.
Trustberg und Dietmoning reicht. Dieses Gebiet hat mit dem nördlichen Teil des Landes Salzburg schon vor ungefähr 1000 Jahren eine politische Einheit gebildet. Der Ruppertiwinkel, das Gebiet von Reichenhall und Berchtesgaden haben einen Flächeninhalt von 1696 Quadratmeter mit 58.000 Einwohnern.
Die Gesundheitsverhältnisse in Wien
über die Gesundheitsverhältnisse in Wien wurden mir von unterrichteter Stelle interessante Aufschlüsse zuteil.
Bekanntlich hegte man für diesen Winter schwere Besorgnisse wegen der Ausbreitung einer Typhusepidemie. Diese Gefahr darf jetzt als gebannt betrachtet werden. Dagegen herrscht augenblicklich, allerdings in beschränktem Umfang, eine Diphteritisepidemie unter Erwachsenen. Die Krankheit tritt in sehr schwerer Form mit einer Sterblichkeit von 30 bis 35 Prozent auf. Nach einer Statistik ist eine solche Epidemie unter Erwachsenen alle 13 bis 14 Jahre zu beobachten.
Die Tuberkulose macht in Wien erhebliche Fortschritte, was auf Unterernährung, Fehlen der Beheizung usw. zurückzuführen ist.
Dagegen haben die Geschlechtskrankheiten abgenommen Im September wurden 2229, im Oktober nur mehr rund 2000 neue Erkrankungen gezählt, von denen ein Drittel auf Syphilis entfallen.
Die Gesundheitsverhältnisse sind jedoch im Allgemeinen in diesem Winter weit besser, als noch vor wenigen Monaten zu erwarten war.
Boron Frankenstein in Wien
Aus Wien wird berichtet: Baron Frankenstein ist in Wien eingetroffen. Er ist einer Einladung des österreichischen Außenministeriums gefolgt, um vordringliche allgemeine Fragen zu erörtern. Frankenstein war 20 Jahre lang österreichischer Botschafter in London. Zur Zeit des Anschlusses wurde er britischer Staatsbürger. Später wurde er vom englischen König in den Adelsstand erhoben.
Graf Karolyi rehabilitiert
Budapest, 26. Dezember. Dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Graf Karolyi, der seiner Rechte und Güter für verlustig erklärt worden ist, wurden vom ungarischen Justizminister die vollen ungarischen Bürgerrechte wieder zuerkannt. Karolyi war Führer der ungarischen Revolution von 1918.
Kriegsverbrechergesetz in Deutsch and
Berlin, 26. Dezember. Der Alliierte Kontrollrat hat ein Gesetz über die Bestrafung von Kriegsverbrechern erlassen. Es handelt sich um jene Fälle, die nicht vor das Nürnberger Forum gezogen werden.
Beschlagnahme der Saargruben durch Frankreich
Paris, 26. Dezember. Die Kohlengruben des Saargebietes wurden, wie die französischen Besatzungsbehörden in Deutschland bekanntgegeben haben, von diesen beschlagnahmt.
Die Ausweisung der Deutschen aus der
Tschechoslowakei
Prag, 26. Dez. Staatspräsident Dr. Benesch erklärte, die Alliierten hätten zugesichert, daß sie den Abtransport der Deutschen aus der Tschechoslowakei im nächsten Jahre nicht verhindern würden. Dieser Abtransport werde würdig, human und allen moralischen Grundsätzen entsprechend durchgeführt werden.
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„Macht keine schlechte Witze“ antwortete Markus verdrossen. Eine Unruhe, die sich seiner bemächtigt hatte, verstärkte sich.
Von da an begann er zu lauschen, ob man über Frau Sixta und ihn nicht rede. Daß das der Fall war, blieb mehr Vermutung als Gewißheit. Alle im Hause begegneten ihm noch immer freundlich. Sie nahmen ihn als etwas Besseres, zum mindesten als etwas außer ihren Reihen Stehendes, weil er sie an Bildung überragte und in seiner Erscheinung wie in seinem Wesen ein Besonderer war. Eine leichte Entfernung blieb zwischen ihm und ihnen. Wenn er sich nach Feierabend auch manchmal zu ihnen setzte, so blieb er doch mit seinen Gedanken nicht so recht bei ihren Gesprächen. Schon rein äußerlich unterschied er sich von ihnen; denn er legte am Abend saubere Wäsche an, er rauchte Zigaretten, während die anderen Männer ihre Pfeifen ansteckten, und trank nicht mit
ihnen. So wagten sie sich von Anfang an mit ihren Worten nicht recht an ihn. stimmten aber darin überein, daß er nicht hochmütig sei und einem gern Rede und Antwort stehe. Allmählich gaben sie auch zu, daß er selbst Hand anlege und sich hilfsbereit zeige, wo sich dazu Gelegenheit biete. So wußten insbesondere die Säumer zu berichten, daß er einen raschen Blick und eine starke Hand habe, wenn je ein Tier sich auf einer Fahrt störrisch zeige oder in irgendeine Gefahr geriet, und daß er beim Abund Aufladen nicht müßig beiseite stehe, sondern jedem mit gutem Beispiel vorangehe. Die Pferdeknechte rühmten seine Kenntnisse. Er verstehe
mehr von den Tieren als irgendeiner im Hause, und sie waren sich darin einig, daß er aus dem „Sperber“, dem Schimmel, erst das edle Tier gemacht habe, als das er es jetzt in die Berge ritt. Und doch las er aus ihren Blicken etwas wie eine Erwartung. Die Kellnerin hatte es angedeutet: Er genoß ungewöhnliche Gunst bei der Meisterin. Und er war noch immer nicht weitergezogen, wie er anfänglich gewollt hatte. Die Anna war ihm seither leise zuwider, so sehr seine Augen ihrer Schönheit Gerechtigkeit widerfahren lassen mußten. Aber hatte sie so Unrecht? Und waren die anderen nicht auch ihrer Meinung? Frau Sixta — war — Witwe. Und die Mitdienstleute warteten — warteten —.
Er dachte das erste Mal diese Erwägungen nicht zu Ende. Mit der ihm aus Jugendtagen anhaftenden Lustigkeit verließ er sie. Aber sie kehrten ihm zurück.
Er prüfte sich selbst und deutete Zeichen auf anderer Seite. Sich selbst konnte er sogleich freisprechen. Frau Sixta machte ihm durch ihre kraftvolle und willensstarke Persönlichkeit Eindruck. Allein, wenn er sich in ihrem Dienste wohl und aus der Art, wie sie ihm begegnete, eine Art Mütterlichkeit sich entgegenwehen fühlte, so wäre ihm doch nie ein Gedanke gekommen, daß er — ihres Mannes, des Rotmund, Nachfolger werden könnte. Frau Sixta jedoch? Wäre es möglich? Er fing an zu bemerken, daß ihre Augen manchmal auf ihm ruhten. Es schien ihm, als beschäftige er iher Gedanken. Häufiger hielt sie ihn im Gespräche fest. Sie schien an seinem innersten Menschen teilzunehmen oder zu suchen, ihn gleichsam zu entdecken, als liege ihr daran, in ihm besser
Bescheid als in anderen zu wissen. War das alles nur, weil er, der um Jahre jüngere Mann, ihr vielleicht eine Art Menschen
merkwürdigkeit war? Die Sache riß ihn aus seinem Gleichmut. Er fühlte sich beengt, und eine leise Unwirschheit befiel ihn sowohl gegenüber Frau Sixta wie gegen die übrigen Hausinsassen. Dann suchte er zu Klarheit zu kommen. Frau Sixta mochte er nicht selbst fragen. Er scheute sich vor ihr. Sie stand ihm hoch. Wenn er erwog, welcher Abstand zwischen der reichen Besitzerin und ihm selbst, dem Wegfahrer, war, mußte er lachen. Aber er stellte den alten Pankraz eines Abends, als er ihn einsam auf einem Stein am Seeufer hocken und seine Pfeife schmauchen sah.
Es war kühl. Himmel und See hatten eine blaugraue, hell= und dunkelfleckige Färbung. An den Bergen geisterten Nebelwolken. Der Paßwind setzte aus. Markus ließ sich mit einem kurzen Gruß unweit des alten Knechtes nieder.
„Regen“, sagte er in Voraussicht des Wetters.
„Regen“ sagte Pankraz.
Dann fiel Schweigen ein. Pankraz sog an seiner Pfeife und strich ein paarmal über den weißen Bart, den er pflegte wie ein Stadtherr und der einen feinen Silberglanz hatte
„Es wird bald genug wieder Winter sein,“ meinte nach einer Weile der Alte.
Markus war es, als sei in der Feststellung die Neugier enthalten, ob er den Winter hier oben auch erleben werde. Da ging er in plötzlicher Eingebung auf sein Ziel los. „Was — denkt ihr von mir?“ fragte er.
„Wer?“ fragte Pankraz dagegen
„Nun ihr alle.“
„Ich kann nicht in die Gehirne der anderen sehen.“
Nach dieser Antwort schien der Hirt sich verschließen zu wollen. Er blies viel Rauh in die Luft. Aber nach einer Weile, während welcher
Markus mit auf die Knie gestemmten und gesenktem Kopf saß, begann der Alte auf neue. „Ihr werdet Euch entscheiden müssen“, sagte er.
Markus verstand ihn nicht sogleich. Man hatte immer die Empfindung, als komme der Alte mit seinen Gedanken nie ganz von Frau Sixta los. Dachte er auch jetzt an sie?
„Redet deutlicher“, sagte er.
Der Alte murmelte etwas in sich hinein. „Die Frau wird eines Tages wissen wollen, ob Ihr bleibt oder geht“, erklärte er dann.
Das konnte auf die Herrin Bezug haben, wissen mußte, wessen sie sich von dem Knecht zu versehen hatte. Es konnte aber auch die Frau in der Rotmundin angehen.
„Ich kenne sie lange“, fuhr Pankraz weiter. „Ich habe es Euch schon einmal gesagt Ich kenne sie fast von Kindesbeinen an.“ Das kam ihm mit einer sichtlichen Bewegung aus dem Herzen herauf.
Markus fühlte, daß der Alte in der Tat Bescheid über Frau Sixta wußte und Dinge voraussehen konnte, die ihm selbst noch waren. Es gingen ihm gleichsam innere Augen auf. Möglichkeiten wurden ihm zu Wahrscheinlichkeiten. Widerstreitende Gefühle stürmten auf ihn ein, allen voran das neu aufflackernde langen, weiterzuziehen. Was blieb er hier sitzen? Was ließ er sich hier einfangen? Dagegen erhob sich wieder die Erkenntnis, daß er heimatlos war. daß er kein Ziel hatte, noch Lust, ein ches zu suchen. Hier aber, sagte er sich, war ihm eine Tür aufgegangen. Fäden seiner Seele hatten sich verfangen Er liebte diese düstere welt
ferne Landschaft die Arbeit, die ihm hier oblag, den Hengst, den er ritt. Palatl
(Fortsetzung st