Tiroler Tageszeitung 1945

Monat:12

- S.93

Suchen und Blättern in knapp 900 Ausgaben und 25.000 Seiten.





vorhergehende ||| nächste Seite im Heft

Zur letzten Suche
Dieser Monat – 1945_12_TT
Ausgaben dieses Jahres – 1945
Gesamter Text dieser Seite:
Montag, 24. Dezember 1945
Tiroler Tageszeitung
Nr. 156 Seite 11
Die Geoßen Vier — Keivat
Rang S. Ituman
Arbeits- und Lebensweise
Er ist ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Erhebt sich jedesmal, wenn er den „Missouriwalzer“ hört und zwingt damit seine Umgebung, ebenfalls aufzustehen Er ist 61 Jahre alt, 1.72 Meter groß und wiegt 77 Kilogramm. Er ist ein starker Raucher, liebt iedoch rauchende Frauen nicht
Beträchtlicher Appern. — Zum Frühstück: Früchte. Milch, geröstetes Brot —
„ Lieblingsgericht: Beefsteak
Trinkt Whisky verdünnt mit Ginger-Ale (Ingwer bier). Truman stcht sehr früh auf und geht spät zu Bert, gemäß der Gewohnheit, die er bei seinen Eltern auf dem Bauernhof angenommen hat.
Stark belasterer Stundenplan Um halb 9 Uhr Ankunft in seinem Arbeitsraum des Weißen Hauses. Mahlzeiten in den Privatgemächern. Die Pressekonferenzen, die Roosevelt regelmäßig den Journalisten gewährte, setzt Truman fort, nicht aber die tägliche Schwimmkur im Bassin. Ein großer Teil der Zeit wird durch Konferenzen mit Politikern in Anspruch genommen.
Persönliches und Liebbabereien
Großer Pokerspieler. Er behauptet, er spiele schlecht, aber seine Frcunde sagen das Gegenteil. Während seines Wahlfeldzuges spielte er jeden Abend in Pyjama und geblümtem Morgenrock mit den Journalisten Poker.
Truman licbt das Klavierspiel sehr. Er hat als Klavierschüler nic eine Stunde verpaßt und spazierte oft mit einer Rolle Musiknoren unter dem Arm einher. Vorliebe für die Grammophonplatten mit klassischer Musik. Er spielt gerne und ausgezeichnet Chopin. Wo immer er sich befindet, erhebt er sich, sobald er den „Missouriwalzer“ hört und zwingt damit seine Umgebung, ebenfalls aufzustehen. Im übrigen in er ein großer Liebhaber der Forellenfischerei.
Truman hat noch kein Buch geschrieben. Seine Lektüre bestcht hauptsächlich aus Geschichtswerken über den amerikanischen Sezessionskrieg. Auf diesem Gebiet ist er der bestinformierte Mann. Spricht das Amerikanische mit einem leichten Missouri-Akzent Er ist sehr selbstsicher und gewandt. Hier kann man wirklich sagen, das Amt habe den Mann gemacht.
Trumans Familienleben ist sehr einfach und glücklich. Vor der Präsidentschaft stand seine Frau früh auf, um ihm das Frühstück zu bereiten Das Mittagenen kochte sie selbst. Seine Tochter Margaret ist mundzwanzig Jahre alt. Sie genoßf eine gute Mittelschulbildung, besuchte die Universität und ist gelernte Musikerin Sie scheint das Talent ihres Vaters geerbt zu haben und vergöttert ihn, den sie als ihren besten Vertrauten betrachtet.
Clemens Riilee
Arbeits- und Lebensweise
Er ist der anständigste, aber auch farbloseste Mann. der je eine Führerrolle in einem Weltreich gespielt hat. Attlee ist 63 Jahre alt, 1,70 Meter groß und wiegt 65 Kilogramm. Er raucht Pfeife von morgens bis abends Seine Eßgewohnheiten sind genau so durchschnittlich englisch wie der ganze Mann. Er lebt bescheiden und vorbildlich. Attlee steht gegen acht Uhr morgens auf und gcht zwischen halb elf und elf Uhr nachts zu Bert Sehr fleißiger Arbeiter, der lange Stunden Akten durchpflügen kann. Er ist sehr intelligent und besitzt eine scharfe Urteilskraft Nach dem Auszug Churchills bezog er die Wohnung in Downing Street 10, in deren Amtsräumen sich täglich vormittags das Kabinett versammelt.
Persönliches und Liebbabereien
Attlee spielt eifrig Tennis, Golf und Fußball. Er pflegt seinen Garten selbst und füttert seine Hühner. Er benützt ein kleines Auto, das seine Frau steuert. Die Offentlichkeit scheut er. Attlee ist einfach und durchschnittlich gekleidet Nach seinem angeblichen Ausspruch hafft er die Diktatur der schwarzen, blauen und braunen Hemden, aber auch die in gestärkten Frackhemden. Er gilt als absolut wahrhaftig, ehrenhaft und unantastbar. Weil er es im ersten Weltkrieg bis zum Major gebracht hat (er kämpfte auf Gallipoli. in Mesopotamien und an der Westfront in Frankreich) nannte man ihn bis vor kurzem meistens „Major Attlee“. Nach wie vor ist Attlee mit Churchill befreundet, trotz ihrer politischen Gegnerschaft.
Er hat sehr viel gelesen und interessiert sich hauptsächlich für soziologische und ökonomische Werke. Attlee ist ausgebildeter Jurist, war Professor für Wirtschaftskunde an der „London school of economics“ Er hat folgende Werke verfaßt: „The Social Worker“; „The Town Councillor“; „The Will and che Way to Socialism“; „The Labour Party in Perspective.“ Er ist durch und durch sachlich, kein hinreißender Redner, gilt als ausgesprochen schüchtern. Attlee besitzt hohen, persönlichen Mut. 1937 war er während des Bürgerkrieges in Spanien, um den Regierungstruppen in Madrid die moralische Unterstützung der Labour Parry zu bekunden.
Attlee. der von begüterten Eltern stammt und die Schulen der Aristokratie in Haileybury und Oxford besucht hat. führt ein einfaches und ruhiges Familienleben. Er hat vier Kinder. Seine Frau fuhr ihn im Auto zum Buckinghampalast, als der König ihn zu sich rief, um ihn mit der Regierungsbildung zu beauftragen.
Josef Italin Arbeits- und Lebensweise
Man hat ihn noch nie mit seiner dritten Frau zusammen gesehen. Er telephoniert immer um Mitternacht mit ihr. Er ist 65 Jahre alt. 1,65 Meter groß und wiegt 72 Kilogramm. Er raucht ab und zu Zigaretten, meist aber die Pfeife. Er zicht den ameri kanischen Edgeworth- Tabak vor.
Stalin ißt mit gutem Appetit, trinkt aber mäßig Immerhin hat Stalin auf einem großen Staatsbankert dreißig Gläser „Stakantschik“ Wodka getrunken ohne. andere Wirkung als die einer erhöhten Herz lichkeit. Stalin erhebt sich morgens um elf Uhr und legt sich zwischen drei oder vier Uhr früh zum Schla fen. Seit Ausbruch des Krieges schläft er fünf Stunden täglich. Er nimmt ein leichtes Gabelfrühstück Studium von Akten. Sodann Diktat und Rapporte im Kreml. Gegen vier Uhr nachmittags nimmt Stalin, oft allein, in seinem Bureau das Mittagessen ein. Später Konferenzen mit den Mitgliedern des Politbureaus und des Generalstabes. Von Zeit zu Zeit ein Glas Tee. Nachtessen um zehn oder elf Uhr abends in den Wohnräumen des Kreml. Dauer der Mahlzeiten: ein bis drei
Stunden.
Persönliches und Liebbabereien Stalin liebt das Schachspiel, das Kegeln, das Kino, das Klavierspiel. Einfacher und unkonventioneller künstlerischer Geschmack: Volkslieder, klassische
Opern („Prinz Igor“, von Borodin). In seiner jugend liebte er das Reiten und Schießen, aber heute übt er diese Sports nicht mehr aus. Stalin nimmt an den künstlerischen Veranstaltungen in der Haupt stadt der Sowjetunion teil. Wenn ihm ein neues Werk mißfällt, zieht dies für den Verfasser oder Komponisten keine Unannchmlichkeiten nach sich.
Er besitzt erstaunliche Kenntnisse auf allen mög lichen Gebieten Johnson, der Sekretär der amerika nischen Handelskammer, erklärte, daß Stalin die Produktion der USA besser kenne als 90 Prozent der amerikanischen Geschäftsleute.
Ausgedehnte Lektüre. Stalin ruft die Autoren mitten in der Nacht an, um ihnen zu sagen, was er von ihren Büchern hält. Er ist selbst der meist gelesene Schriftsteller der Welt. Sein in alle Spra chen überserztes Buch „Der Leninismus“ hat in der Sowietunion eine Auflage von drei Millionen erreicht Sein Privatleben ist in Geheimnisse gehüllt. Wäh rend Jahren war kein Mitglied seiner Familie im Kreml Seine erste Frau starb 1917 Sie schenkte ihm einen Sohn, Jakob. Dieser Sohn ist in deutscher Kriegsgefangenschaft umgekommen. 1919 verheira tete sich Stalin mit der siebzehnjährigen Nadia Alle lujewa. Aus dieser Ehe entsprossen zwei Kinder Wassili) und Svetlana. Seine zweite Frau starb 1932 Die Russen glauben, daß er sich ein drittes Mal mit Rosa Kaganowitsch
verheiratet habe. Man hat ihn mit ihr noch nie in der Offentlichken geschen.
Arbeits- und Lebensweite
Er raucht jeden Tag dreimal seine Körperlänge an Zigaretten Er ist 54 Jahre alt, 1,92 Meter groß und wiegt 85 Kilogramm. — Er raucht leidenschaftlich. Er vertilgt vier Pakete Zigaretten im Tag und eine Zigarre nach jeder Mahlzeit.
Sehr mäßig im Essen und Trinken Die Mahlzeiten sind schi einfach — auch wenn Gäste da sind. Er trinkt zwei Gläser Wein, dazu gelegentlich ein Glas Schnaps De Gaulle steht um acht Uhr morgens auf und geht gegen zwei Uhr früh zu Bert. Ankunft in der Rue Saint-Dominique um zehn Uhr morgens. Arbeit bis Viertel nach zwei Uhr, dann Mittagessen in seinen persönlichen Gemächern Dauei des Mittagessens: eine halbe Stunde. Nachher Arbeit in seinem Bureau, Vorbereitung seiner Reden, Lektüre usw.
De Gaulle wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in einer kleinen Villa in Neuilly, deren Einrichtung sehr einfach ist.
Persönliches und Liebbabereien
Seine Lieblingssports waren einst Reiten und Marschieren. In Algier jeden Sonntag lange Spaziergänge und gelegentliche „Kletterpartien“ in seinem eigenen Park. In Paris ist sein einziger Sport das Autofahren
De Gaulle besucht nic das Theater. Vor dem Krieg ging er einmal in der Woche mit seiner Frau ins Kino Die Filme über den Krieg und die Widerstandsbewegung werden jetzt bei ihm aufgeführt. Er liebt die moderne und die klassische Musik Gelegentlich summt ei gerne neue Lieder vor sich hin. Er liest sehr viel und sehr verschiedenartige Lektüre. Vorliebe für hisrorische Studien Pescal Montaigne. Verfasser berühmter Werke. „La discorde chez l’ennemi“; „Au til de l’épée“; „L’armée de métier“; „La France et son armée“.
De Gaulle spricht sehr gut Deutsch und Englisch, das er in Tondon gut vervollkommnet hat. Er liebt weder die Offentlichkeit noch die Photographen, deren Forderungen er sich nur ungern unterzicht.
De Gaulle hat einen Sohn und zwei Töchter. Sein Sohn hat sich in der Marine des Freien Frankreich, dann in der Division Leclere ausgezeichnet Im August 1944 eroberte er in den Kämpfen um Paris die Deputiertenkammer. Die älteste Tochter, die in Algier seine Sekretärin war, befaßt sich jerzt mit sozialen Hilfwerken. De Gaulle liebt die Kinder. Seinen Neften und Nichten rezitiert er gerne und singt ihnen Lieder vor.
Thailes de Saulle
IEI TET EE Nl
DD EE RR WEERB ED
E 10
B ÜCHEN
„Nun, Artur“, so fragte ich, als es in unseren österreichischen Gemütern weihnachtete, einen erfahrenen Buchenwalder, „was wird es denn eigentlich zu Weihnachten geben?" „Das kann ich dir gleich sagen — so wie im vergangenen Jahre eine Kantinensperre!“ „Ist das nicht doch zu schwarz gesehen?“ „Merke dir das. Kumpel — in Buchenwald kann man nie genug schwarz sehen.“
„Verfluchte Mistvögel!“
Einige Tage waren seit diesem Gespräche vergangen. Es kam der Abend jenes 15. Dezember. der für jeden zu den schrecklichsten Erinnerungen seines Lebens gehört. Weil zwei „Grüne“ getürmt waren, mußte das ganze Lager fünf endlos lange Stunden ohne Schutz durch eine geeignete Kleidung — die wenigsten hatten Mäntel und Handschuhe — bei einer Temperatur von minus 15 Grad auf dem Appellplatz stehen. Diese Tausende kämpften um ihr Leben, indem sie mit ihren Füßen aus dem steinharten Boden — vielleicht wrer doch noch weicher als die Herzen unserer Kerkermeister — sich Wärme in den Leib zu stampfen suchten. Die Ordnung der Blocks löste sich auf. Alles verschmolz zu einer von wahnsinnigem Todesschrecken erfaßten, trampelnden und um sich
schlagenden Menschenherde. Vergebens brüllte es aus dem Lautsprecher: „Verfluchte
Mistvögel! Werdet ihr endlich Ruhe geben!“ „Kerle, seid ihr wahnsinnig geworden! Wartei nur!“ Alle diese Drohungen fruchteten ebenso wenig wie die auf den gleichen Ton gestimmten Zurufe der in warme Mäntel gehüllten Se Leute, die uns wie die Schäferhunde umstrichen Endlich, als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten. diese Nacht noch überleben zu können; kam der Befehl: „Abrücken!“ Selbst die sichere Ahnung daß die Lagerleitung für den nächsten Tag sicher einen anderen „Sport“ sich ausgedacht haben dürfte, konnte uns nicht hindern, daß wir diesen Augenblick mit einer reinen Freude genossen Am folgenden Morgen erfuhren wir, daß sich bisher im Revier mindestens hundert Opfer des Strafstehens mit schweren und allerschwersten Erfrie rungen eingefunden
hatten Gleichzeitig übermit telte uns der Lautsprecher de Befehl zur Such aktion“ nach den Flüchtlingen anzutreten Soll
ten wir das Wunder der Auffindung der Flüch
WALD-ERINNERGN
tigen vollbringen, das den 600 Mann der SS., die, unterstützt von Kriminalisten und Bluthunden, die die ganze Nacht den Wald abgesucht hatten, nicht gelungen war? Nein! So war die „Suchaktion“ wohl nicht gemeint. Sie war vielmehr nur ein Vorwand, um uns bei minus 20 Grad den ganzen Tag in dem von eisigen Winden durchblasenen Wald zu „beschäftigen“. Etliche kehrten am Abend nicht mehr zurück. Sie waren nicht „getürmt“, sondern programmgemäß erfro ren. Damit war der Zorn der Lagergewaltigen noch nicht besänftigt. Sie dürsteten vielmehr nach weiterer Rache. Der Lagerkommandant selbst trat an das Mikrophon: „Weil die zwei Vögel ausgeflogen sind, ohne daß es von euch gehindert wor den ist, bekommt ihr am Sonntag nischt zu fressen Außerdem
besteht ab sofort — Kantinensperre!“ Also genau so, wie Arthur gesagt hatte! Gerade vor Weihnachten! „Ich sagte dir ja, daß in Bu chenwald zu Weihnachten der Teufel los ist Jetz siehst du es!“ Ja, es ging wirklich bös her Kantinensperre bedeutete nicht nur, daß man auf den fragwürdigen Eintopf angewiesen war, der nicht selten aus Walfischfleisch bestand, sondern, was noch ärger war, daß man nichts Rauchbares er hielt, außer zu den Phantasiepreisen und Gefah ren des Schwarzen Marktes. Am Tore herrschte dickste Luft“. Von morgens früh bis abends spät war der gefürchtete „Bock“ — das sinnreiche Instrument zur Zerdreschung eines menschlichen Gesäßes, in Betrieb. Am 21. Dezember am Tage des von der SS. hochgefeierten Julfestes. gab es einen
neuen Höhepunkt des Grauens
eine Hinrichtung, oder besser ausgedrückt, einen in den Formen des Rechtes vollzogenen Mord Ungarn hatte einen Häftling ausgeliefert, der im Mai 1938 in P gleitung eines Kameraden geflüchjei war Der Letztere hatte trotz der Warnungen des Ersteren einen SS =Mann erschlagen, um die Flucht zu sichern. Der Mörder war bald darauf rgriffen und in Buchenwald an einem Baum aufgehengt worden wobei ein Häftling den Dienst des Henkers verrichtete. Trotzdem die Tat reich sich gesühnt war forderte Buchenwald und das mae die Lagerleitung von Buchenwald wünichte war für Himmler und für die Diplomaten des
GEN VON DR. ANTO

Dritten Reiches ein Befehl, den Kopf des anderen Flüchtlings. Ungarn lieferte ihn aus. Das Sondergericht in Jena sprach das verlangte „Schuldig“. Auf dem Appellplatz von Buchenwald wurde mitten im Schneetreiben der Galgen er ichtet. Am Abend überlieferte der Gerichtsho von Jena persönlich sein Opfer den Herrschern ion Buchenwald. Eisig strich der Wind über unere kahl geschorenen Häupter, als wir die Müt en abnehmen mußten, um die „hohe Justiz“ zu egrüßen. Im hellen Lichte der Scheinwerfer vurde das O, fer zum Galgen geführt. Dieses rohe Schauspiel am Abend des „Julfestes“ war stilecht altgermanisch — wurden doch die Kult feiern in den germanischen Hainen mit Menschen opfern begangen. Offenbar hatte jedoch dieses Opfer die Wut unserer
Lagergötter beschwichtigt Zwei Tage vor dem Heiligen Abend wurde die Kantinensperre aufgehoben. Wer Geld hatte konnte also zu teuren Preisen bescheidene Wünsche befriedigen. Wer keines hatte. feierte den Heiligen Abend mit dem „Stollen“ den die Lagerleitung jedem Häftling bescherte. Selbstver tändlich stürzte sich die Lagerleitung etwa des salb nicht in Unkosten.
Sie „bescherte“ nur, was sie von den Juden genommen hatte
Der Nachmittag des Heiligen Abends war arheitsfrei. Man saß in der Stube Gespräche kamen spärlicher in Fluß als sonst Weder Buch nock Spiel vermochten die trübe Stimmung zu wenden. Jedes Wort, das irgendwo fiel, stand im Banne der Erinnerungen und Vergleiche.
„Seit fünf Jahren Kumpel ...“
„Meine Frau und meine Kinder — heute wer den sie an den Vater denken!“ „Diese verfluck ten Hunde — alles haben sie uns genommen!“
„Meine Mutter“ begann ein bartloser Jüng ing. „hat es uns zu Weihnachten immer so schösemacht. Wir bekamen ...“
„So hör doch auf mit der Mutter und mit Weihnachten! Du bist ja in Buchenwald Mensch leiß dich zusammen! Das Nachsinnen macht di
fertig!“
„Die da oben am Tor schmausen jetzt die lecker
N KLOTZ
sten Gerichte — wir aber fressen unsere Wut in uns hinein!“
„Und nichts mit den Entlassungen! Hätten sie wenigstens ein paar Leute nach Hause gehen lassen, damit man wieder hoffen könnte.“
„Was redest du von Entlassungen? Für uns gibt es nur die Entlassung durch den — Schornstein, das solltest du doch bereits wissen.“
Buchenwald — diese Hölle ohne Liebe, dieser Ort des ständigen Grauens vor dem Morgen, diese Lagerstatt der Qualerkorenen war keine Stätte freundlichen Weihnachtsglücks. Die wenigen im Lager, denen Weihnachten ein religiöses Erlebnis var, trafen sich verstohlen mit einem der gefanjenen Priester, um Katakombengottesdienst zu seiern.
„Geht schlafen, Kumpels!“
nahnte der Blockälteste „Ihr sitzt ja herum wie die Klageweiber Weihnachten im KZ muß man verschlafen.“ So. als ob ein erlösendes Wort geprochen worden wäre, verschwand alles in den eisigen Schlafsaal. Schon war das Licht gelöscht. Da, horch! Der Lautsprecher: „Herhören! X. geboren am ... in ..., sofort ans Tor!“ Einer hat das große Los gezogen! Einer, der seit seiner Einlieferung ins KZ. eine bloße Nummer war, wird mit seinem Namen gerufen! Er geht in die Freiheit! Nach Hause! Der Glückliche, dem das Thristkind die Freiheit schenkte, ist mit uns soeben unter die Decke gekrochen Wie elektrisiert springt er auf „Macht"s gut, Kumpels!“ und schon st er in den Tagraum verschwunden Bald wird er aus dem Tor hinaustreten in die freie Welt. Der Schlafsaal summt wie
ein Bienenhaus .Wo ist er zu Hause?" „Ach er war ein Ausweisungshäftling Er wird an die russische Grenze gepracht Er muß über Leipzig. Breslau stellt such diese Fahrt vor bei dieser Kälte in Sommerzleidern.“ Das große Ereignis daß einer in die Freiheit kam hatte alle am Abend so zuruckaltenden Zungen gelöst Man sprach von dieser Freilassung — und jeder dachte an die eigene. Es war, als ob plötzlich über dem finsteren Buchenwald ein mildes Licht aufgegangen wäre. War es nicht doch ein Schimmer des Sternes von Bethlehem, der die eisige? acht verzn eifelten Herzen erwärmte! Das war Weihnachten 1938!