Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 2 Nr. 156.
Tiroler Tageszeitung
Montag. 24 Dezember 1945
Der Kommand. Gencral der franz. Besatzuneszonc im Oesterreich erläßt einc Amnestie
Am 23. Dez. mittzes wurden die von der Amnestie betroffenen Inhaftierten aus den Gelängnissen Tirols und Vorarlbergs entlassen, Gleicherweise wurde eine Anzahl von verwaltungsmäßig internierten (des Infernes Administratifs) aus der Hait endassen.
Eine der nächsten Nummern des „Bulletin Officiel“ (Offizielles Verordnungsblatt) der französischen Besatzungszone wird eine Verordnung des Kommandierenden Generals der französischen Besatzungszone in Österreich, General Bethouart, enthalten, welche die Entlassung zahlreicher Inhaftierter verfügt. Es handelt sich um folgende Personen:
Mitterer, Herbert — Partner, Josef — Preinsack, Albin — Troger, Johann — Gleirscher, Josef — Gruber, Johann — Koll, Theodor — Plangratz, Max — Csebany, Tibor — Fidos, Cesalus — Flack, Valery — Fronserick, Stanislaus — Gintsch, Marko — Greve, Heinrich — Hasiuk, Michael — Hold, Josef — Idoana,
Franco — Knupper, Roland — Rivolta, Frederico — Tillmann, Hans — Meinberg, Wilhelm —Haag, Karoline — Brunner, Karl — Plattner, Anton — Neugebauer, Kurt — Neugebauer, Albertine — Neuner, Josef — Totsch, Karl — Putzer, Otto — Ridle, Karl — Geisler, Alfred — Haas, Johann — Freitag, Margarete
— Mark, Josef — Lindenberg, Erich — Mazuran, Josef — Muller, Urban — Mayer, Albert
— Seyr, Karl — Hammerle, Walter — Frois, Rudolph — Storchmaier, Johann — Brutz, Billy — Baldesars, Maria — Linka, Maria — Reichmann, Johann — Wegscheider, Maria — Waltl, Valentin — Dr. Renner.
Hniniiiinhiimiiiiimnmmiminmmmminmmmmmmmmmmminmmmtnmmmmmmmmnmmmmmmnmmmmmmmmmnmmmnmmmmmmmnnnmmnmmnmnmmmmnmmmmmtnmmnmnterint
Gleichzeitig werden mehr als zweihundert verwaltungsmäßig Internierte (des Internés Administratifs) freigelassen werden.
Ein besonderer G tadenbeweis
Diese verschiedenen Gnadenbeweise, welche anfläßlich des Weihnachtsfestes von dem Herrn General=Administrator, Exz. Voizard, dem Herrn Kommandierenden Ge“ ral der französischen Besatzungszone in Österreich vorgeschlagen wurden, werden in der österreichischen Bevölkerung einen starken Widerhall sinden.
Diese großherzige Geste werden nicht nur die unmittelbar Beteiligten und ihre Familien zu
würdigen wissen, sondern darüber hinaus wird sie für alle Österreicher ein erneuter Beweis der traditionellen französischen Großmut sein.
Die Mehrzahl der Entlassenen hatte schwere Vergehen begangen und war zu verhältnismäßig hohen Strafen verurteilt worden nach Maßgabe der Epoche, in der diese Straftaten begangen wurden, und die nach Einstellung der Feindseligkeiten nicht mehr den gleichen schweren Charakter haben.
Es ist zu hoffen, daß die gesamte Bevölkerung die Tragweite dieser zum Feste des Erlösers vollzogenen Geste verstehen wird, und daß vor diejenigen, denen dieser Gnadenerweis kommt, sich dessen würdig erweisen w
über Südtirol Osterreichs Forderung nach dem Berchtesgadner Land
e Aeie ubel Eurinte Wien, 23. Dez. Bundesminister Dr. Gruber tionszahlungen Deutschlands an Österreich
Die österreichische Bundesregierung hat gestern abend eine amtliche Erklärung über Österreichs Anspruch auf die Wiedereingliederung Südtirols an Österreich veröffentlicht. In der Erklärung heißt es: „Die österreichische Republik erhebt Anspruch nur auf das deursch sprachige Gebiet Südtirols nördlich des Passes von Salurn. An
spruch auf das Trentino weiter südlich wird nicht erhoben. Das Trentino wird als italienisches Gebiet anerkannt.“
Die österreichische Bundesregierung hat — wie aus der Erklärung hervorgeht, den allüierten Mächten eine amtliche Note über das Problem Südtirols übermittelt.
Britische Stellungnahme zur Südtiroler Frage
London, 23. Dez. In einem Leitartikel der „Times“ über Österreich heißt es, von allen Problemen Österreichs sind die Grenzfragen am meisten umstritten. Es ist daher bedauerlich, daß diese Streitfrage schon jetzt mit solcher Schärfe aufgeworfen wird. Es ist allerdings nicht sehr verwunderlich, daß die österreichischen Staatsmänner gegen die Entscheidung von 1919, durch die Italiens Grenzen bis zum Brenner vorgeschoben wurden, Protest erheben. Dagegen sind Italiens Ansprüche auf das Trentino besser begründet. Wenn man zwischen diesen beiden Gebieten nicht genau unterscheidet, schwächt man die wohlbegründeten Ansprüche Österreichs.
*
Die Stellungnahme der „Times“ enthält eine erfreuliche Anerkennung der guten Gründe, welche zur österreichischen Forderung auf Rückgabe Südtirols geführt haben. Die Kritik am angeblichen Anspruch auf Trient kann nur auf einem Mißverständnis beruhen, wie sich aus der amtlichen Antwort aus Wien ergibt. Dabei soll aber nicht unerwähnt, bleiben, daß die Bestrebungen auf die Wiedervereinigung der Provinz Trient mit Österreich von dort selbst ausgehen. Es ist sehr beachtenswert, daß sogar italienischsprachige ehemalige Österreicher die Wiedervereinigung mi Österreich wünschen. Der englischen Zeitung ist aber auch entgangen, daß die faschistische Regierung und nach ihrem Beispiel auch die gegenwärtige demokratische Regierung Italiens die Grenze der Provinz
Trient bis vor die Tore von Bozen vorgeschoben und damit viele Tausende von deutschsprachigen Südtirolern der Provinz Trient einverleibt haben. Es ist sehr zu begrüßen, daß die österreichische Regierung in ihrer Antwort auf die Sa
[lurner Grenze hingewiesen hat, wodurch gegen die beliebte italienische Politik der vollendeten Tatsachen Verwahrung eingelegt wird.
England und die Grenzen Italiens
London, 22. Dez. Minister Noel Baker gab im Unterhaus die Erklärung ab, daß die bevorstehende übergabe der noch unter Alliierter Militärregierung stehenden italienischen Gebiete an die italienische Verwaltung eine mögliche Neuregelung der italienischen Grenzen in dem Friedensvertrag mit Italien nicht beeinflussen wird. Wie aus der Erklärung hervorgeht, bezieht sich diese britische Einstellung auch auf Südtirol, dessen Rückgabe von der österreichischen Regierung gefordert wird.
Erklärungen Oegasperts
Rom, 23. Dez. Ministerpräsident Degasperi er klärte über die Frage Südtirols: „Wir können nicht zugeben, daß die Grenzfrage eines Staates t von 45 Millionen Einwohnern durch ein kleines Völkchen entschieden werden soll, das in einer Grenzprovinz wohnt, wobei ein großer Teil dieser Minderheit vor und während des Krieges an der Seite Hitlers gestanden sind. Wir sind bereit, alle Zugeständnisse zu machen, die ein demokratischer Staat sich erlauben kann, aber wir erwarten, daß die loyal ausgestreckte Hand einer ebensolchen Hand begegnet. Wir vertrauen und wissen, daß die Bevölkerung der Provinz Bozen in dieser Art denkt. Wir werden glücklich sein, die diplomatischen Beziehungen mit [Österreich wieder aufnehmen zu können, aber das ist nicht möglich, wenn
unannehmbare Gebietsforderungen aufgestellt werden.“
ien, 23. Dez. Bundesminister Dr. Gruber erklärte einem Berichterstatter des AND: „Es ist auf jeden Fall zu erwarten, daß Österreich die Forderung auf Grenzberichtigung gegenüber Deutschland vorbringen wird. Es handelt sich hierbei um das Berchtesgadner Land, das aus straßentechnischen Gründen für Österreich enorm wichtig ist. Außerdem laufen durch dieses Gebiet österreichische Telegraphenlinien und Telephonkabel, die von den Deutschen vor dem überfall auf Österreich bereits abgeschnitten wurden.
Ein ähnliches Risiko werden wir nicht mehr auf uns nehmen. Der Kabinettsrat wird in nächster Zukunft einen derartigen Beschluß fassen. über die Frage, in welcher Form die Repara
tionszahlungen Deutschlands an Österreich ersolgen werden, könne man noch keine Einzelheiten bekanntgeben. Ahnlich verhält es sich mit den Besitztumsverhältnissen in Zistersdorf, die erst im Rahmen einer Verordnung, deutsches Eigentum in Österreich betreffend, geregelt werden können.“
Programm der UHRRA für Osterreich
Washington, 23. Dez. Der Direktor der 1INRRA Herbert Lehmann gab gestern das Programm für 1946 bekannt. Für Österreich ist darin ein Kostenaufwand von ungefähr 100 Millionen Dollar vorgesehen.
„Ein Hauch von Sieg und
London, 23. Dez. In einer amerikanischen Nachrichtensendung aus Moskau heißt es: Dreimächtekonferenz hat die erste Woche intensiver Arbeit beendet und viele Menschen fühlen nun zum ersten Male einen Hauch von Sieg [und Frieden. Die Russen sehnen sich genau so wie jedes andere Land nach Sicherheit und setzen große Hoffnungen auf die Ergebnisse dieser Konferenz. Sie tappen genau so im Dunkeln über das, was auf dieser Konferenz vorgeht, wie jeder einzelne von uns. Trotzdem ist alles zuversichtlich. man glaubt, daß alles in Ordnung geht [und ein günstiges Ergebnis erzielt 8
Der diplomatische Korrespondent des „Obserper“ stellt in Abrede, daß die Frage des Ruhr
und Rheinlandes in Moskau zur Sprache gekommen sei. Die Moskauer Konferenz sei nicht als Fortsetzung der fehlgeschlagenen Londoner Konferenz der Außenminister zu betrachten.
Die Konferenz dauert über Weihnachten an
Washington, 23. Dez. In hiesigen maßgebenden Kreisen wird bekannt, daß die Konserenz der Außenminister endgültig über Weihnachten andauern wird. Die Fortschritte der Verhandlungen veranlaßten die Außenminister, sich für deren Fortsetzung zu entschließen. Es machen sich Anzeichen bemerkbar, daß der sowjetischen Haltung über die türkische und persische Frage gebringere Bedeutung beigemessen wird. Es werden Fragen von grundlegender Bedeutung behandelt.
Zweinndsreißig neue Kardinäle ernannt
Vatikanstadt, 23. Dez. Offiziell wird bekanntgegeben, daß der Papst 32 Kardinäle für 16 Länder ernannt hat. Unter ihnen befinden sich drei Deutsche: darunter Bischof Graf Preysing in Berlin. Bischof Augustin Clemens Graf Galen von Münster und Erzbischof Josef Frings von Köln. Der Erzbischof von Westminster Bernard Griffin, der Bischof James Maquin von Toronto, der Erzbischof Speelman von lew Bork, Erzbischof Striks von Chikago, Bi
schof Mooneyl von Detroit, Bischof Lenon von St. Louis, Monsignore Masella, der gegenwärtige Nuntius von Rio de Janeiro. Drei der neuen Kardinäle wirken in Frankreich, drei in Spanien, vier in Italien und sechs in [Südamerika. Durch diese Ernennung wird das Kardinalskollegium wieder auf seinen normalen Stand von 70 Mitgliedern gebracht. Seit dem Jahre 1937 fand keine Kardinalsernennung mehr statt.
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Dipkomalie, Tresse und Tokitik
im Deitten Reich
Aus dem Tagebuch eines Journalisten 19. Fortsetzung Diplomatie in Spanien
Der deutsche Botschafter in Agypten. v. Stohrer, war auf Grund einer romantischen Wüstenfahrt von der englischen Presse zum Eintageshelden gemacht worden und hatte hierdurch Hislers Aufmerksamkeit auf sich gelenki. Eine Sektlaune abgeschlossene Wetie ließ ihn eine Suchaktion nach einer in der Wüste verschollenen Fliegerin improvisieren: plötzlich war von Stohrer selbst verschollen. Dieses sehr private Abenteuer wurde die Geschichte der Karriere eines deutschen Diplomaten. Mitglieder der britischen Mission in Kairo retteten von Stohrer, die romantische Fliegerin gewann ihre Wette und als „happy end“ erhielt Stohrer den Posten eines deutschen Botschafters in Spanien. Diese mit sensationellen Details ausgeschmückte Story bot tagelang der Weltpresse Stoff für
pikante Berichte.
Auch in Spanien hat Stohrer später mehr durch Skandalaffären von sich reden gemacht, als durch seine Diplomatie die unbemerkt blieh, obwohl auch er in der Person des Herrn Lazar einen Presse=Attaché zur Seite hatte, der nur den einen Nachteil hatte, zu tüchtig zu sein und sich den Hals brach, als er dem spanischen Klerus ernstlich den Vorschlag machte, die Sonntagspredigten — mit versteckten deutschen Propagandaparolen natürlich — den ländlichen Pfarrern franco und frei ins Haus zu liefern ... Dagegen hatte Lazar ein gebürtiger Armenier in der Gestaltung seines Nachrichtendienstes für Südamerika eine glücklichere Hand. Für das konservative Spanien waren die extravaganten Methoden und mondänen Abenteuer der deutschen Botschaft à la Kairo auf die
Dauer untragbar und es erfolgte 1942 Stohrers Ersetzung durch den Berußsdiplomaten Dr. Dickhoff, den letzten deutschen Botschafter in Washington und Vorgänger Ribbentrops in London.
Ein deutscher Diplomat
Die Kandidatur des fähigsten zu Dienst stehenden Botschafters von der Schulenburg, deutscher Missionschef in Moskau bei Ausbruch des Ost=Feldzuges, war durchgefallen, weil Schulenburg — im Gegensatz zu allen Militärs — Hitler nachdrücklichst vor dem Krieg mit Rußland gewarnt und das Pech hatte, mit seiner Ansicht gegen die Hitlers und seiner Kamarilla recht behalten zu haben. Schulenburg, der ein Leben lang im divlomatischen Dienst bewährt und erfolgreich gewesen war und als der beste Kenner der Ost= und Fernost=Probieme galt, wurde zwar zum „persönlichen politischen Ratgeber Hitsers in Ostfragen“ ernannt, doch wurde sein Rat ebenso wie der des Geheimen Kriegskabinetts während des ganzen Krieges nicht ein einziges Mal eingeholt. Das wußten
schon die „Ostspezialisten“ des Dritten Reiches und Hauptverantwortlichen für den Rußlandfeldzug, der Reichsleiter Rosenberg und der Gauleiter Koch, zu verhindern. Schulenburg, der erfahrenste Diplomat und Fachmann, saß daher bis Ende 1944 in der Archin=Abteilung des Auswärtigen Amtes im Ausweichquartier Krummhübel in Schlesien und verfaßte im Büro der schönen Prinzessin Wassiljikoff und des Gesandten v Richthofen „Weißbücher“ die die Schuld der anderen am Kriege nachweisen sollten. Auf politisch so wichtigen Posten wie Lissabon, Madrid. Rom Stockholm, Helsinki aber saßen Verlegenheitsdiplomaten, die den letzten Kredit des Dritten Reiches verwirtschafteten. In Italien, Ungarn, Slowakei, Prag aber ließ Himmler seine als Gesandte getarnten
SS.=Führer auf ihre Weise „regieren“ Seinem geistigen Rang, seiner Haltung und Tradition gemäß mußte Schulenburg mit den Männern des 20. Juli in engen Kontakt kommen. Er sollte das Außenministerium einer freien deutschen Regierung übernehmen. Auch er wurde verraten und mit seinem Botschafterkollegen von Hassel vom Volksgerichtshof des blutigen Roland Freisler wenige Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1944 zum Tode durch Erhängen verurteilt. Seine Aufzeichnungen bestätigen in vollem Umfange die Tatsache, daß Hitler in jedem Falle das „deutsche Problem im Osten“ mit Gewalt lösen wollte.
Hintergründe des Molotow=Besuches in Berlin
Das deutsche Volk hat damals, als Molotow, der russische Außenkommissar, in Berlin war und die Presse berichtete, daß es für Deutschland und Rußland keine bessere Politik als die des Zusammengehens“ gäbe, nicht geahnt, was sich hinter den Kulissen der deutschrussischen Besprechungen abgespielt hatte. Der Jegenbesuch Molotows hatte mit einer diplomatischen Niederlage Hitlers geendet. über nordund südosteuropäische Interessengebiete hatte es Meinungsverschiedenheiten gegeben, die Hitler nicht auf dem normalen diplomatischen Wege. sondern mit Gewalt lösen wollte.
Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten bei den Routine=Staatsbesuchen der europäischen „Achsenpartner“ hatte Molotow nach dem Anhören des einstündigen Führervortrages seinerseits die Stellungnahme Stalins zu den politischen Problemen klar zum Ausdruck gebracht. Das war damals ungewöhnlich!
Die Tatsache, daß der russische Außenminister diese Praxis durchbrach, hatte Verärgerung verursacht. So verlief auch eine zweite und letzte Begegnung zwischen Molotow und Hitler in der Reichskanzlei in Berlin am 13. November 1940 in frostiger Atmosphäre und bestätigte das negative Ergebnis der Besprechungen. Als am Abend dieses Tages das Bankett zu Ehren Molotows im „Gelben Saal“ des Hotels „Kaiserhof“ — infolge eines damals noch überraschenden Besuchs der RAF. — unterbrochen wurde und der russische Außenminister zum ersten Male den Luftschutzkeller im Gästehaus der Reichsregierung. dem Schloß Bellevue, aufsuchen mußte, wußten aufmerksame Beobachter bereits, daß die Würsel gesallen waren und Hitler sich für den Krieg gegen Rußland
entschieden hatte.
Der russische Botschafter in der Wilhelmstraße
Ein halbes Jahr später in den grauen Morgenstunden des 21 Juni 1941, versuchte Reichsaußenminister von Ribbentrop im Bundesratsaal des Auswärtigen Amtes in der damals noch unzerstörten Wilhelmstraße in Berlin den in= und ausländischen Pressevertretern den Rußlandfeldzug zu begründen. Seit 5 Uhr früh
waren die Journalisten versammelt Gegen 6 Uhr erschien Ribbentrop; er kam aus der Reichskanzlei Hitlers. Seit mehr als zwei Stunden hämmerte bereits das Trommelfeuer der deutschen Batterien und die Bomben der Luftwasse auf die russischen Stellungen entlang der 2000 Kilometer langen Front. Ribbentrop war übernächtig. Er sprach mit heiserer, unsicherer Stimme. Hatte er eine Vision des Kommenden gehabt? Es schien, als sei ihm erstmals nicht wohl bei der Kommentierung eines Führerauftrages. Und immer wieder mußte sein Adjutant Kleinlein das Wasserglas nachfüllen., schwerste und peinlichste Stunde dieser schicksalsschweren und schlaflosen Nacht hatte ihm der russische Botschafter Dekanosow bereitet. Kurz nach drei Uhr war Dekanosow — nichts
Böses ahnend — in der Wilhelmstraße 63 vorgefahren. Der Chef des Protokolls. Gesandter von [Dörnberg, hatte den Botschafter zu dieser ungewöhnlichen Stunde in das Außenamt gebeten, damit Ribbentrop ihm die deutsche Kriegserklärung und gleichzeitig hiermit die Pässe übergeben konnte — eine Stunde bevor der Kanonendonner den Feldzug eröffnete. Da der russische Botschafter seit längerer Zeit wegen der Truppenmassierungen an der deutschen Ostarenze um eine dringende Unterredung mit dem Reicksaußenminister nachgesucht hatte, glaubte Ribbentrop ihm nunmehr — wenn auch zu einet außergewöhnlichen Stunde — Gelegenheit zu seiner Demarche geben würde Umso größer war daher sein Erstaunen, als Hitlers Außenminister ihm kurz die Rede
abschnitt, sich seinerseits im schärfsten Tone über angebliche russische Grenzübergriffe beschwerte und ihm gleichzeitig mitteilte, daß der Führer aus diesem Grunde dem deutschen Ostheer um vier Uhr den Befehl Angriff geben werde. Dekanosow wollte dies nicht glauben und bat den Außenminister in eindringlichsten Worsten, bei Hitler zu intervenieren
sum wenigstens in letzter Minute einen Krieg zwischen Deutschland und Rußland zu vermeiden.
Sie lesen in der nächsten Fortsetzung: Preisboxer als Sonderbotschafter.