Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:7
- S.27
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Herausgegeben
von den französischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung
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Nummer 22/ 1. Jahrgang
Redaktionelle Einsendungen und Anfragen sind zu richten an Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4. — Druck: Tyrolia, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4
Dienstag, 17. Juli 1945
Nicht vergessen!
Lange, lange, mehr als volle zwei Monate ist es her, seit die Sirene schweigt. Niemand braucht mehr ängstlich, beinahe mit der Uhr in der Hand, auf die Eröffnung des Zutritts zu den Stollen zu warten. Vorbei ist die Zeit, wo man sich und seine in einem kleinen Koffer verpackten wertvollsten Habseligkeiten zwei= und dreimal im Tage in die Geborgenheit eines Luftschutzraumes flüchten mußte. Fast klingt es nur noch wie eine Sage, wie „ein Märchen aus uralten Zeiten“, daß sich einst die guten Bekannten mit der Frage begrüßten: „Haben Sie auch einen sicheren Keller?“ So leicht gewöhnt man sich an das Angenehme, daß uns die durch das Ende des Krieges wiedergewonnene Sicherheit des Lebens gleichsam als das kleine Taschengeld, keineswegs aber als die große goldene Münze erscheint, die man sich unter den Vorstellungen von
Friedenszeit erhofft hat. Dabei sind es erst etwas über zwei Monate her, daß die vor dem Bombengewitter sich Flüchtenden erklärten: „Wenn nur dieser Schrecken einmal endet, dann ist alles ganz gleich, was kommt! Schlimmer kann es nicht mehr sein als jetzt, wo der gewaltsame Tod in jeder Form das Hausrecht gewonnen hat.“
Wer ist unter uns, der solche Außerungen nicht gehört hätte? Darf man nicht mit einigem Recht an sie erinnern, um die Feststellung zu unterstreichen, daß die Beendigung des Krieges wenigstens die unerhört peinigende Sorge um das nackte Leben von uns genommen hat? Die Einstellung der Feindseligkeiten hat allen, deren Lieben im Felde standen, die Beruhigung verschafft, daß sie in absehbarer Zeit mit diesen ein beglückendes Wiedersehen in der Heimat feiern werden. Kürzlich beschwerte sich jemand gegenüber einem Freunde, der sowohl infolge der Ungunst des verflossenen Systems wie durch die Kriegsereignisse sehr viel mitgemacht hatte, über die Lasten der Einquartierung. „Ja, haben Sie denn vergessen“, so lautete die Antwort, „daß nicht nur das Schicksal unserer Stadt, sondern das aller Orte des Inntales nur an einem
Faden hing? Erinnern Sie sich nicht mehr, daß mehrere hundert schwere amerikanische Bomber bereitstanden und auf den Befehl warteten, einen weiteren Widerstand der deutschen Truppen durch einen Luftangriff größten Ausmaßes zu zerschmettern? Wäre das geschehen, dann könnten Sie heute auf einem Schutthaufen nach Ihrer Wohnung suchen. Glauben Sie übrigens, daß Sie nach einer so vollendeten Zerstörung unserer Stadt, wie sie etwa in Nürnberg und anderen Großstädten Deutschlands sich ereignet hat, irgendwo eine passende Unterkunft gefunden hätten? Ich weiß, daß die Einquartierungslasten hart sind. Aber Hand aufs Herzl Hat uns diese Zeit nicht noch viel, viel härtere Nüsse zu knacken gegeben?“
Das Ende eines Krieges hat noch niemals im Laufe der Weltgeschichte die sofortige Herstellung jener angenehmen wirtschaftlichen Verhältnisse bedeutet, wie sie vor dem Ausbruch des Waffenganges bestanden. Jeder Krieg schafft Trümmer und Schutt, die erst voll sichtbar werden, wenn der Pulverdampf sich verzogen hat. Jeder Krieg endet unter Zurücklassung einer Bilanz von Fehlbeträgen. Wie erst muß dieses Rechnungsergebnis in einem Kriege, den der Wahnsinn entfachte und bis zu den äußersten Anstrengungen fortführte, beschaffen sein? Ist es eine überraschung, daß infolge des Krieges die Wirtschaftskraft unseres Landes rücksichtslos aufgezehrt wurde. Requisitionen der Wehrmacht und Parteistellen, Steuern und Bombenangriffe haben tief in die Substanz unseres Wirtschaftslebens eingegriffen. Wenn wir einen Vergleich
mit der Lage ziehen, die nach dem Zusammenbruch im Herbst 1918 entstanden war, fällt er sehr zuungunsten der Gegenwart aus. Damals gab es keine zerstörten Eisenbahnlinien und keine Städte. die mit Trümmerstätten übersät waren. Die Kaufleute besaßen noch wohlverborgene und gehütete Lager und Vorräte. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von europäischen Ländern, wie die Schweiz, Holland und die skandinavischen Staaten stellten ihren unverfehrten Wirtschaftsapparat in den Dienst einer raschen Nothilfe. Alles das sind Posten, die in Rechnung diesmal fehlen werden.
Besprechung Truman — Churchill
Berlin, 15. Juli. Präsident Truman hatte eine erste Unterredung mit Ministerpräsident Churchill.
Die Absichten des Präsidenten Truman
Washington, 16. Juli. Die Korrespondenten, welche Präsident Truman begleiteten, stellen übereinstimmend fest, daß Truman bereit ist, die Dienste der Vereinigten Staaten anzubieten, um Europa wieder auf die Füße zu stellen, und daß er dafür die Versicherung einer friedlichen Zusammenarbeit der europäischen Nationen verlangen wird. Es wird angedeutet, daß die Berliner Konferenz drei Wochen dauern könnte, obwohl es heißt, daß der Präsident auf eine schnellere Beendigung der Besprechungen hofft.
Eine Briefmarke als Symbol der Dreierkonferenz
Berlin, 16. Juli. Eine der neuen in Berlin zugelassenen Briefmarken trägt das Bild eines Baumes, der aus einem Trümmerhaufen emporwächst. Diese Marke wird von den
Sammlern als Symbol der Dreierkonferenz betrachtet.
Abtransyort der deutschen Kriegsgefangenen aus Norwegen
Oslo, 16. Juli. Der erste Transport deutscher Kriegsgefangener wird im Laufe der nächsten zehn Tage nach Deutschland abgehen. Der Transport setzt sich hauptsächlich aus Bauern, Landarbeitern, Postbeamten und Transportarbeitern zusammen. Er umfaßt Mannschaften, aber auch Offiziere bis einschließlich zum Hauptmannsrang. Die Gefangenen dürfen bis 15 Kilo Gepäck mitnehmen. Die Pläne für die allmähliche Rückführung aller anderen deutschen Soldaten aus Norwegen sind abgeschlossen. Insgesamt befinden sich 400.000 deutsche Soldaten in Norwegen. Es ist nicht sicher, ob diese bis zum Winter gänzlich abtransportiert werden können. Von der Rückkehr ausgeschlossen sind Angehörige der Gestapo und der SS, deren Namen auf der Schwarzen Liste der norwegischen Widerstandsparteien stehen.
Lebensmittel für Europa
Washington, 15. Juli. (Reuter.) Das Kriegsdepartement gibt bekannt, daß seit der Befreiung über zwei Millionen Tonnen Lebensmittel durch die Vereinigten Staaten nach Europa gebracht worden sind. Mehl und Weizen halten dabei mit mehr als 70 Prozent die Spitze, da die Vereinigten Staaten davon einen verhältnismäßigen überschuß haben. Büchsenfleisch, Zucker und Fett stellen 11 Prozent der gesamten Lieferungen dar. Nunmehr werden Lebensmittellieferungen an die befreiten Länder durch die amerikanische Armee aufhören. Die Lieferungen werden in Zukunft durch Vermittlung der Regierungen erfolgen.
Fleischkonserven für das befreite Europa Ottawa, 16. Juli. Der Präsident des kanadischen Fleischerzeugungsamtes gab bekannt, daß die kanadischen Firmen besondere Fleischkonserven für die befreiten europäischen Länder herstellten. Kanada hat beschlossen, an diese Länder 500 Tonnen Wurstund Fleischkonserven zu liefern.
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Programm der Empfangsfeierlichkeiten für General Bethouart
Wie schon berichtet, trifft General Bethouart, der Höchstkommandierende der französischen Besatzungstruppen in österreich, morgen, Mittwoch, 18. Juli, um 3 Uhr nachmittags in Innsbruck ein. Der General wird am Westende der Stadt von motorisierten Militärabteilungen erwartet werden. Er begibt sich sofort zur Hofburg, vor der eine große Truppenschau stattfinden wird, an die sich die Defilierung der Truppen anschließt. Nach den militärischen Feierlichkeiten findet in der Hofburg der Empfang der Funktionäre statt. General Bethouart wird bei dieser Gelegenheit eine Ansprache halten, die durch Radio verbreitet und in der gesamten französischen Besetzungszone österreichs plakatiert werden wird. Da General Bethouart nicht nur der Höchstkommandierende der Truppen, sondern auch die höchste Spitze der Militärregierungen von Tirol
und Vorarlberg ist, wird an den Feierlichkeiten auch der die Truppen in Vorarlberg kommandierende
Freilich: wer die Eigenart dieses „totalen“ Krieges erfaßt hat, wird es als einen Gewinn preisen müssen, daß durch die Einstellung der Feindseligkeiten unendlich viele wertvolle Wirtschaftsgüter der Vernichtung entgangen sind. Man wird der Vorsehung nicht genug dafür danken können, daß der Krieg in einer Jahreszeit zu Ende ging, die noch gute Vorsorgen für die künftige Ernte gestattete. In dieser Hinsicht stehen wir heute besser da als im Jahre 1918.
Das Wesentlichste scheint uns jedoch die neue Auffassung zu sein, mit der wir unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten betrachten dürfen. Solange der Krieg andauerte, mußten wir tatenlos zusehen, wie unser früherer wirtschaftlicher Wohlstand Stück um Stück vertan wurde. Wir mußten mit Schrecken gewahren, wie niemals ein nunmehr letzter Tiefpunkt erreicht wurde. Es gab vielmehr ein fortdauerndes Absinken von Periode zu Periode, von Jahr zu Jahr. Erst heute, da der Krieg vorüber ist, vermögen wir die Tiefe unseres Sturzes zu ermessen. Wir wissen aber auch, daß uns die Gletscherspalte nicht als Leiche entlassen wird, sondern daß jetzt das Seil hält, mit dessen Hilfe wir uns mühsam emporarbeiten müssen und emporarbeiten werden.
Nichts wäre verhängnisvoller als die Erwartung, daß nunmehr in wenigen Wochen der Garten österreichs, wie er blühte, als unser Vaterland noch in Freiheit lebte. in seiner vollen Pracht wieder erstehen müßte. Fleißige, entschlossene und zielbewußte Arbeit wird uns gewähren, daß dieses Ziel in einem kommenden Zeitraum erreicht wird. Der Weg für diese Arbeit ist frei. Das ist nicht das geringste Geschenk, das uns die Beendigung des Krieges in den Schoß gelegt hat.
Dr. Anton Klotz. 1
General Dumas sowie die Landesregierung von Vorarlberg teilnehmen.
Aufruf der österr. dem. Freiheitsbewegung
Innsbrucker!
. Wie bereits gemeldet, wird am Mittwoch, den 18. Juli, der Oberkommandierende der französischen Besatzungstruppen in Österreich, Herr General Bethouart, in Innsbruck feierlich empfangen werden. Dieser Empfang ist nicht nur der einer sönlichkeit, sondern trägt darüber hinaus geschichtliches Gepräge, dem nicht genug Bedeutung beigemessen werden kann. Er ist ein [Meilenstein auf dem Wege österreichs zur Freiheit und Unabshängigkeit und es wird sehr viel von den Eindrücken abhängen, die General Bethouart bei seinem Empfang in sich aufnimmt.
k. Jeder echte österreicher muß es für seine Pflicht erachten, an einem für die Zukunft unseres Landes so bedeutungsvollen Tag unseren Befreiern die Gesinnung unseres Volkes nund zu tun. Wir österreicher emp
fangen in General Bethouart nicht den Sieger, sondern den Befreier, und es wird [der Bevölkerung nahegelegt, [alles zu tun, um den Vertreter [Frankreichs würdig zu empfangen. Wir können auch überzeugt sein, daß unsere Bemühungen um die Unabhängigkeit nicht unbemerkt bleiben werden und wir gerade in Frankreich einen Staat zum Freunde haben, der unsere Lage versteht und der uns in unseren Bestrebungen zu helfen gewillt ist.
Mit der Leitung zur Vorbereitung der Empfangsfeierlichkeiten ist Herr Architekt [Sackenheim betraut worden, und alle diejenigen, die bei den Empfangsfeierlichkeiten aktiv mitwirken, werden gebeten, sich mit Herrn Sackenheim ins Einvernehmen zu setzen. Nachmittags ist allgemeine [Betriebs= und Geschäftssperre und die Ausgangsbeschränkung tritt an diesem Tag erst um 22.30 Uhr in Kraft.
Die Bevölkerung wird gebeten, ihre Häuser mit Fahnen zu schmücken und, soweit vorhanden, Tiroler Trachten anzuziehen.
Zur „Jedermann“=Aufführung am 14. Juli im Landestheater
Attila Hörbiger als „Jedermann“, Fred Liewehr als „Guter Gesell“, Trude Link als 5 Puhlschaft“.
(Landesbildstelle: Sichert)