Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 2 Nr. 149
Tiroler Tageszeitung
Samstag, 15. Dezember 1945
Stimme zum Jaa
Maskan
Heute schütteln sich die Außenminister der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Rußlands in Moskau die Hand. Zwei Monate eines bartnäcligen Schmollens enden damit, daß man wieder miteinander zu sprechen beginnt. Es soll Leute geben, die das bereits als einen recht bedeutenden Fortschritt betrachten. Wenn sie nur nicht die Taletik der Ebestreite mit den Metboden der modernen Diplomatie verwechseln! Die Beratungsgegenstände, mit denen sich die kleineren Abbilder der Großen Drei befassen werden, kann man aus den Namen ihrer Begleiter entnehmen. Die Sachverständigen, welche mit den Herren Byrnes und Bevin in Moskau eintreffen werden, sind die Fachleute, die ihren Regierungen mit zweckdienlichen Ratschlägen beisteben, wenn es sich um die
Angelegenbeiten des Fernen und des Naben Ostens bandelt. In Moskau werden sie Fachgenossen begegnen, die ihnen an Gewandtheit nichts nachgeben. Man braucht kein Rätsellöser zu sein, um ahnen zu können, daß Persien, die Mandschurei, Stützpunkte am Pazifik im Vordergrund des Gespräches steben werden. Das sind allerdings saftige „Brocken“, die einem leicht die vom Arger und vom Trotz gesperrte Zunge lösen können.- Neben den zünftigen Diplomaten und Politikern erscheint auf dieser Konferenz ein ganz neuer Typus von Sachverständigen. Wer bätte auch jemals geahnt, daß weltfremde Gelehrte als Schiedsrichter über das Glück oder Unglück von Völlern über die Parketts der Beratungssäle schreiten würden! Schiller schrieb einmal, es solle der Dichter
neben dem König steben. Den Atomphysikern ist ein derartiges Avancement geglückt. Sie steben heute an erster Stelle im Rate der Völker. Ihr Wort gilt umso mehr, als die zünftigen Diplomaten ihren weisen Aussprüchen Glauben schenken müssen, wenn sie sich nicht als Fremdlinge in den Bereichen der böberen Wissenschaften bloßstellen wollen. ja, wenn man es doch gerochen bätte, daß eines Tages das Wissen um die Eigenschaften der Atomkerne für den Strategen wie für den Staatsmann unentbehrlich ist! Mit welcher Ehrfurcht und welcher Hingabe hätte man als Gymnasiast durch das Studium der Matbematil sich die Anwartschaft auf den Marschallstab der Zukunft versichert! So erhebt sich hoch über der gewöhnlichen Menschheit in der eisklaren Luft raffinierter
Forschungsmetboden die Macht und Autorität des Atomphysikers. In seinen Händen zucken die Blitze der Vernichtung, die nur durch das Aufgebot des reinsten und ehrlichsten Friedenswillens zu Hilfsmitteln des Fortschrittes werden können und werden sollen. Das erste Treffen der großen Atommänner in Moslau wird uns daber noch mehr fesseln als das Florettgefecht der Diplomaten.
Neuer Flugrekord
Die bereits durch ihren Nonstop=Flug von Guam nach Washington bekannt gewordene amerikanische Superfestung „Dreamboat“ hat einen neuen transkontinentalen Flugrekord aufgestellt, indem sie die Strecke von Burbank (Kalifornien) nach dem Newyorker Flugplatz La Guardia in fünf Stunden 31 Minuten zurücklegte. Die Flugdistanz betrug rund 4950 Kilometer, die Geschwindigkeit 720 Kilometer in der Stunde.
abschöpfen, sondern Waren prodezieren!
Nach den Ausführungen des ehemaligen Handelsminister Dozent Dr. Taucher in der „Steirischen Zeitung“, die in diesem Blatte vom 10. ds. wiedergegeben wurden, gibt es zwei Wege zur Durchführung der Währungsreform:
1. Soviel Geld abzuschöpfen, bis die dann verbleibende Geldmenge mit der vorhandenen Gütermenge in richtigem Verhältnis steht. Oder
2. die Abnahme des Geldüberhanges individuell auf Grund eines Herkunftsnachweises vorzunehmen.
Dem Grundgedanken nach ist die Methode der reinen Geldabschöpfung nichts anderes als eine mit System durchgeführte begrenzte Inflation. Auch diese Form der Inflation widerspricht aber nach den vorausgegangenen Erfahrungen den einfachen Anforderungen an die staatliche Finanz= und Wirtschaftspolitik, da sie ungerecht ist. Wer wenig oder ganz unbelasteten Hausund Grundbesitz hat, wer über verhältnismäßig großes investiertes Kapital und bedeutende Warenlager verfügt, bleibt von den Folgen der Geldabschöpfung in hohem Maße verschont. Wer dagegen überwiegend Bargeld besitzt — und dazu gehört heute auch der Hauptteil der Betriebe des Handels und der Industrie — hat die ganze Härte des Bargeldschwundes zu tragen. Zudem ist bisher keine
Schuldenregelung bekannt geworden. Es kann aber nicht einer Lösung zugestimmt werden, in der das Barvermögen des Schuldners entwertet wird, das Guthaben des Gläubigers dagegen — soweit es in einer ungedeckten Geldforderung besteht — erhalten bleibt.
Die Hauptfrage ist zunächst die Größe des Geldüberhanges. Bei seiner Feststellung muß aber die Lage der Privat= und Betriebswirtschaft berücksichtigt werden. Der Konsument hat zwar Geld gespart. Aber nur, weil er nichts kaufen konnte. Seine Privatwirtschaft hat daher fortgesetzt die vorhandenen Güter verschleißt und dieser große Bedarf verlangt nach Deckung. Anderseits ist auch das Geld, das aus den abverkauften Warenlagern in die Banken geflossen ist, gutes Geld. Wird nun Geld in bedeutendem Ausmaße abgeschöpft, so fehlt dem Konsumenten die Kaufkraft, der Wirtschaft die Betriebskraft. Der Warenumsatz bleibt gedrosselt. Die Staatseinnahmen werden gering sein. Aber sie werden zusätzlich noch durch die Arbeitslosigkeit belastet werden.
Vor kurzem ging durch die Presse eine Nachricht, daß die Arbeiterschaft der USA. höhere Löhne bei gleichbleibenden Preisen fordere mit dem Hinweis, daß nur der dadurch geschaffene erhöhte Geldumlauf eine Vollbeschäftigung der Wirtschaft nach Kriegsende ermöglichen werde.
Die Geldabschöpfung würde genau das Gegenteil bewirken. Um nun einerseits die Diskrepanz zwischen Geld= und umsatzfähiger Gütermenge zu beheben, anderseits das Barvermögen für Konsum und Betriebswirtschaft zu erhalten, muß daher ein anderer Weg zur Währungsreform gegangen werden, als der der plumpen, mechanisch und daher ungerecht wirkenden Geldabschöpfung, nämlich:
1. Ausscheidung des Geldes, ungesetzlich ist.
Ein Beitrag zur Währungsreform
3. Förderung der Produktion
4. Allmähliche Freigabe der Sperrgelder im Verhältnis zur Zunahme der umsatzfähigen Gütermengen.
5. Erfassung des individuellen Vermögens — also des Geld= und Anlagevermögens — und Ausschreibung einer Vermögensabgabe in einer Höhe, durch die der nach Einsatz der Größen für den ungedeckten Bedarf auf Seite der Privatwirtschaft, der geleerten Warenlager auf Seite der Betriebswirtschaft noch eventuell verbleibende Geldüberhang abgenommen wird. M. B.
Notenumtausch
Die österreichische Nationalbank, Zweiganstalt Innsbruck, macht darauf aufmerksam, daß sämtliche Umtauschstellen Samstag, den 15., und Sonntag, den 16. Dezember, wie an gewöhnlichen Werktagen für das Publikum zur Durchführung des Banknotenumtausches geöffnet sind.
Die österreichischen Münzen Ein Beamter des Wiener Münzamtes erklärte: Die Prägung der neuen Münzen, und zwar von 1, 2, 5 und 10 und 50 Groschen sowie 1 SchillingMünzen, wird vorbereitet. Die Münzen werden von österreichischen Künstlern entworfen und voraussichtlich den österreichischen Adler tragen. Wegen Mangel an Edelmetallen werden die Münzen aus einer Legierung von Chrom, Kupfer, Nickel und Alluminium bestehen.
Die Flucht vor der Mark Wien, 14. Dezember. (AND). Der Staatsregierung ist zur Kenntnis gelangt, daß einzelne Unternehmer solche Forderungen ihrer Dienstnehmer, die auf Grund des Gesetzes über Maßnahmen auf dem Gebiete des Angestelltenrechts während der Zeit der übergangswirtschaft unverzinslich bis 31. Dezember gestundet wurden, nunmehr vorzeitig zur Auszahlung bringen. Der Kabinettsrat hat in der gestrigen Sitzungseinen Willen zum Ausdruck gebracht, dieses Vorgehen nicht gutzuheißen, sondern Maßnahmen ins Auge zu fassen, um eine solcherart er folgende Schädigung der Dienstnehmer zu verhindern.
Stimme der Jugend
Jugend im Stuem
Von Max Novak, St. Johann i. T.
Mit dem Entlassungsschein in der zerrissenen Uniform kehrt man nach Jahren voll Sehnsucht in eine verwundete Heimat zurück, ein stiller Empfang ohne Blumengruß und Liebesgabe. Das blutige Handwerk hat uns ernst gemacht und die Tage der erhofften Jugend sind im wilden Kampfgeschehen über uns hinweggerauscht. Hart ist der Mann geworden. Man hat sich abgewöhnt zu begehren, wir mußten lange genug hungern, wir kennen den Geist der Bequemlichkeit nicht mehr, alles an uns ist ernste Pflicht, ernste Bereitschaft geworden. Der Blick für kleine Dinge, die uns bezaubern und quälen, ging verloren, das Unwesentliche hat man hinter sich geworfen. Wir dulden vor allem keine Egoisten in unseren Reihen. Nur als Treugemeinschaft können wir marschieren, es gilt
ja nur der Mann, der sich im Feuer bewährt, der aushält, der seine Angste und seine Nerven meistert, auch wenn die Hölle um ihn tobt und Weltuntergang spielt.
Die Jugend der Schule und die ihr kaum entwachsene Jugend soll uns verstehen, von uns lernen und wissen, daß auch der friedliche und rechtliche Kampf Helden braucht und ganze Männer und Frauen fordert. Wir wollen uns nicht täuschen an der angeblich schönen und festfrohen Aufmachung des dargebotenen Lebens, Jugend im Sturm nur, trotzig und treu, verlangt die völlig beseelt vom Glauben an einen neuen Wiederaufbau der zermürbten Heimat, erfüllt vom Glauben an den ewigen Herrgott, worin uns auch der Sturmwind nicht entwurzeln kann. Menschen, die nur in den Kinos ihren Geist be
ziehen, die auf Tanzveranstaltungen ihre Unterdessen Herkunft haltung suchen, die auf den Straßen stundenlang ihre wohlangezogene Langeweile spazierentragen, 2. Sperrung der derzeit infolge Warenmangels diese Menschen wissen freilich nichts von den rie
überschüssigen Gelder.
sigen Entsagungen und der Härte unserer Front
tage, die wollen nicht wissen, daß wir im grauen Rock zu ihrem Schutz den Hagel der Geschosse in unseren Reihen aufgefangen haben, die wissen scheinbar nicht, daß uns ein unsägliches Verlangen nach einer glücklichen Heimat täglich arg in der Seele brannte.
Das aber ist die im Sturm erprobte Jugend, welche die stürmische Zeit von heute verlangt, eine Jugend die ihre Rechte fordert und die einer entfesselten und getäuschten Jugend den sicheren Weg eines dauernden Friedens zeigen will.
Wir haben die Erfahrung in uns, daran zu glauben, daß das heutige Leben am Schreibtisch und in der Werkstatt, am Pflug und am häuslichen Herde geschafft, getragen, erlitten wird, wir sind Männer geworden, denen ihre Pflicht mehr ist als ein Geldverdienst. Wir, eine Jugend im Sturm, wollen aber auch Frauen sehen, die ihre Ehre und Aufgabe nicht darin finden, sich andere Männer dienstbar zu machen — Tränen der Verzweiflung möchten harte Soldatenaugen erfüllen — und darüber vergessen, daß wir als brave Söhne unseres Volkes für sie die Leiden der Front ertragen haben. Wir wollen vielmehr Mädchen sehen, die den Heimkehrenden schätzen und verstehen, Mädchen, die einst unsere Frauen sein wollen und in großer heiliger Zucht und Freiheit ihren Gatten und
ihren Kindern ihr Bestes geben und so in der Stille ein tägliches Heldenwerk vollbringen. Die allein tragen di Leben und schaffen die Zukunft, diese alleind das Volk, die anderen sind nur lästige Drohnen Sie allein werden unseren verstehenden, treuen Gegengruß finden. Die anderen sollen von der Bildfläche des Lebens in ihre Sumpflöcher verschwinden und sich nicht erkühnen, den Sturm und die Begeisterung unserer jungen, im Kampf und in der Entbehrung erprobten Herzen für das erwünschte und hoffnungsvolle Leben in einem neuerworbenen Vaterland zu schänden.
Copyrighi by „Tiroler Tageszeitung“
Dipkomatie, Tresse und Tolitik
im Dritten Reich
Aus dem Tagebuch eines Journalisten 18. Fortsetzung Favorit der Tafelrunde
Die von Hitler zu Südost=Diplomaten ernannten SA=Obergruppenführer Ludin, Jagow, Kasche, Killinger und Beckerle hätten unter normalen Umständen nie das Agrément der Balkan=Regierungen erhalten, wenn diese in ihren Entscheidungen frei gewesen wären. Als seiner Weisheit letzter Schluß pochte Ribbentrop jedoch bei jeder Gelegenheit auf die militärische Stärke Deutschlands und die wachsende Zahl von Divisionen, die er bisweilen auch nach oben abrundete. Bis zur Verstimmung ließ er sämtlichen „Verbündeten“ auch schon vor Ausbruch des Krieges die militärische überlegenheit Deutschlands spüren, um sie gefügig zu machen. In solch säbelrasselnder Atmosphäre blieb für „diplomatische Gespräche“ kein Raum. So kam es, daß bei allen Staatsbesuchen aus
dem gesamten südosteuropäischen Raum eigentlich nur Dr. Josef Tiso, der letzte Staatspräsident der „unabhängigen Slowakei“, unverstimmt heimfuhr. Er war einer der sehr wenigen gern gesehenen ausländischen Gäste bei Hitler. Auch als Staatspräsident war Tiso ein guter Dorfpfarrer geblieben und verfügte über ein fast unerschöpfliches Repertoire von politischen Witzen, die ihn zum ausgesprochenen Favoriten an Hitlers Tafelrunde machten. Er war im übrigen der einzige ausländische Staatsmann. der Hitler auf diesem Wege mehr durch die Blume sagen konnte, als alle übrigen verbündeten Staatsmänner zusammen.
Die Beziehungen des Hitler=Reiches zu den ausländischen Staaten waren selten Gegenstand sorgsamer Beratungen; sie wurden fast immer vom Führer beschlossen Die Mentalität des Landes, in das ein Gesandter geschickt wurde, fand ebensowenig Berücksichtigung wie die Frage der speziellen Eignung des zu ernennenden Vertreters geprüft wurde. Weil z. B der Reichsverweser von Horthy vor langen Jahren einmal ein guter Admiral gewesen war, wurde als
Gesandter nach Budapest ein schneidiger SAObergruppenführer entsandt, der zufällig früher einmal Marineoffizier gewesen war. Diese zarte Anspielung ist übrigens als das einzige Entgegenkommen Hitlers an den Südosten bekannt. Ansonsten verrät die Tatsache, daß Hitler seine bewährtesten, d. h. schärfsten SA=Obergruppenführer zu Südost=Diplomaten machte, seine Einstellung zur Lösung der komplizierten Probleme des Donau=Balkan=Raumes.
Gestapo verbietet Tagebücher
Mit Ausnahme der slowakischen, haben sämtliche Balkan=Regierungen mehrfach den Versuch unternommen, ein Revirement der deutschen Diplomaten zu erreichen. Hitler beantwortete diese ihm mehrfach übermittelten Bitten auf seine Weise: er gab sie seinen Gesandten zur Erledigung zurück, die dies nur als eine Ermutigung für ihre Knutenpolitik betrachteten. Selbst der kluge rumänische Außenminister Mihail Antonescu, der lange Zeit versucht hat, den Kurs des Marschalls John Antonescu zu ändern und noch rechtzeitig den Anschluß an die Alliierten zu gewinnen, war in seinem Kampfe gegen den Gesandten und SA=Obergruppenführer von Killinger weniger erfolgreich als sein spanischer Kollege, der Falangeführer und Außenminister Suner, der nach dem
geheimnisvollen Tode des deutschen Botschafters von Moltke 1939 dem ihm von Ribbentrop als Botschafter vorgeschlagenen SA=Obergruppenführer Graf von Helldorf, einem deklassierten Grandseigneur, das Agrément verweigerte.
Hitlers Dolmetscher der Gesandte Dr. Schmidt, der Mann, der in sieben Sprachen denkt und spricht und Zeuge aller Genfer Völkerbundsverhandlungen des zweiten Reiches sowie aller politischen Gespräche Hitlers mit ausländischen Staatsmännern und Besuchen von 1933 bis 1945 war, schrieb in sein Tagebuch, das er allen Verboten der Gestapo zum Trotz gewissenhaft führte, jenes die Hintergründe der deutschen Politik enthüllende Gespräch zwischen Hitler und Ribbentrop zur Frage der Botschafterernennung in Madrid nieder: „Nur um Hitler einen vermeintlichen Wunsch zu erfüllen und ihm durch den Vorschlaa zu gefallen. schlug Ribbentrop gegen besseres Wissen heute vor. wiederum „einen erfolgreichen SA-Oberaruvpenführer“ zum ##chafter bei der spanischen
Regierung zu ernenne*
Die Rolle der Presse=Attachés
Tagebuchaufzeichnungen, Memoiren und Berichte der Diplomaten gehören im allgemeinen zu den interessantesten und geistvollsten Dokumenten über die zwischenstaatlichen Vorgänge und Beziehungen. Die Vorstellung des kleinen Mannes fast aller Völker verbindet mit dem Begriff des Diplomaten das politische Florettfechten im gepflegten Milieu exklusiver Herrenklubs, feierliche Bankette und Empfänge in Frack und schillernden Diplomatenuniformen und eine souveräne überlegenheit in der Beherrschung der diplomatisch=politischen Materie. Die Berichte der BalkanDiplomaten des Großdeutschen Reiches werfen jedoch ein erschütterndes Schlaglicht auf die geistige Primitivität und menschliche Unzulänglichkeit ihrer Verfasser. Die wenigen Berichte, die nicht nur bis zur
Archiv=Abteilung des Auswärtigen Amtes, sondern bis zu den Abteilungsleitern gelangten, waren dabei noch in den meisten Fällen von den Presse=Attachés entworfen. Das waren Männer, die sich zum Teil als Journalisten einen guten Namen gemacht hatten und von dem Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes mit Sorgfalt ausgewählt waren und sehr vielseitige Aufgaben hatten.
Männer wie Pörzgen in Sofia, Welkisch in Bukarest, Brunhoff in Budapest und Heuberger in Preßburg arbeiteten zwar im Schatten ihrer Gesandten=Chefs, stellten diese jedoch an Einfluß, Können und Vielseitigkeit in den Schatten und hatten alle Mühe, dies nicht zu deutlich werden zu lassen. Um die Unzulänglichkeit ihrer Missionschefs auch in Berlin zu verbergen, mußten sie für alle Lage= und Stimmungsberichte der deutschen Pressevertreter die Zensur einführen. Berichte, die den Erzellenzen des Dritten Reiches nicht paßten oder ihre permanente Unkenntnis bloßstellten, wurden nicht hinausgelassen. Dadurch herrschte zwischen den deutschen Pressevertretern und den meisten Gesandtschaften, mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo wirkliche Diplomaten saßen, die
mit den Journalisten auf gleicher Ebene arbeiteten, ein ständiger Kleinkrieg, der bis zur gegenseitigen Bekämpfung in der Öffentlichkeit ausartete. Die Journalisten saßen jedoch am kürzeren Hebel. denn ihre Berichte, die auf anderem Wege als über den vorgeschriebenen Kurierweg nach Berlin gelangten. fielen dem Rotstift der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes zum Onfer die schan hald nach Ausbruch des Krieges jeden Bericht der Auslandskorrespondenten vor dem Erscheinen in der Tagespresse zensierte.
Hitler und Franco
Da Hitler seine Vorliebe für alles Ausgefallene als Bestätigung seines ungebrochenen revolutionären Genies betrachtete, machte er aus einer Laune und den durch eine amouriöse Sensationsaffäre über Nacht bekanntgewordenen bis dato völlig unerprobten Diplomaten, den Gesandten in Kairo, von Stohrer, zum deutschen Botschafter in Madrid Diese Ernennung erfolgte in einem Augenblick, als die Engländer in der richtigen Erkenntnis der Bedeutung des iberischen einen ihrer fähigsten Diplomaten, Sir Samuel Hoare, in die spanische Hauptstadt entsandten. Hitler hatte geglaubt auf Grund seines Geheimvertrages mit Franco, der im Augenblick der Bewährung prompt versagte, und von demsisich Franco später laut distanzierte, der spaniscen Mithilfe sicher zu sein.
Wahrscheinlich wolle Hitler mit der Entsendung eines unbekannten Diplomaten Franco, von dem er nicht viel hiel seine Wertschätzung zu verstehen geben. Bein ersten und einzigen Zusammentreffen der beiden Diktatoren im Sommer 1940 in Hendaye ließ Franco den Führer 20 Minuten auf dem Bahnsteig warten, weil auf der jenseitigen Brücke, der spanischen Seite, erst zwölf spanische Generale mit violetten Schärpen — das Ehrengeleit des Caudillo — auf der Lokomotive des Sonderzuges Aufstellung nehmen mußten. Nach der sehr förmlichen Unterhaltung Hitler—Franco, faßte der Führer die Bilanz seines Eindruckes von seinem Besucher in die Bemerkung zusammen: Dieser Mann wäre in der deutschen Armee höchstens Feldwebel geworden.“ Dieses Prädikat ist
Franco kurze Zeit später hinterbracht worden.
Der Botschafter seiner britischen Majestät arbeitete dagegen mit ausgesuchtester Höflichkeit und kastilianischer Eleganz. Durch geschickte und zähe Arbeit gelang es ihm, die damals noch große Sympathie Spaniens für das Dritte Reich in eine anglophile Einstellung umzubiegen und jenen svanisch=portugiesischen Block zu schmieden, über den England in der weiteren Entwicklung des Kriegsgeschehens stärksten Einfluß nicht nur auf die spanisch=portugiesische Politik und Wirtschaft, sondern darüber hinaus auf die Ereignisse in Südamerika erhielt und sich eine Vormachtstellung schuf, die es bis heute behalten und ausgebaut hat.
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