Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.41
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Gesamter Text dieser Seite:
nittwoch, 12. Dezember 1945
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Tiroler Tageszeitung
Nr. 146 Seite 3
Aus Stadt aiid Naid
Ein Werk des Friedens
Neue Seilbahnkabinen für die Nordkettenbahn
Noch ist den meisten Menschen nicht so recht ins bewußtsein gedrungen, daß wir bereits über ein salbes Jahr Frieden haben. Wohl hat die tägliche lngst um das Leben, der unerwünschte „Segen von oben“ aufgehört, doch sonst sind die Sorgen sch ziemlich die alten geblieben Man muß um Angehörige bangen, die noch immer fern der Heinat sind; die Sorgen ums tägliche Brot sind kaum gringer geworden; die Kaufhäuser bieten nicht inmal gegen Bezugscheine Waren... Und mitten n dieser sorgenvollen Zeit des ersten Nachkriegsointers bietet sich uns nun ein wirkliches Frieuenswerk.
Die Seilschwebebahn auf die Nordkette, die jeim Innsbrucker und Tiroler, ja wohl auch den illermeisten Fremden, die in unser Land kommen, in wohlvertrauter Begriff ist, wird in nächster zeit ihren Betrieb, den sie seit 3. Dezember einestellt hatte, wieder aufnehmen. Dies wird aber ür die Benützer der Seilbahn eine große überaschung geben, denn die kleinen roten Wägen ind verschwunden, an ihrer Stelle werden ganz ie, erstklassig ausgestattete Kabinen die Fahrfiste befördern. Auch ist geplant, den Anschlußragen zum Hafelekar anfangs nächsten Jahres senfalls zu erneuern.
Am Samstag, 8. Dezember, um 12 Uhr mittags iam ein sonderbares Ungeheuer die verschneite hhenstraße heraufgefahren. Es war die erste, uf einem Lastwagen gelieferte neue Kabine der sordkettenbahn, der in einer Woche eine zweite egen wird. Die Jenbacher Werke A.G. konnten # verhältnismäßig sehr kurzer Zeit die Kabinen #utigstellen, die die Innsbrucker Stadtwerke über mnregung des Dir. Dr. Ing. Senn am 3. Oktober 1945 bestellt hatten. Der Liefertermin anfangs dzember konnte pünktlich eingehalten werden. kur der besonderen Initiative des Direktors Ing.
v. Pichler, Leiter der Jenbacher Werke A.G., und dem Konstrukteur der Kabinen, Direktor Ing. Schwärzle ist es zu danken, daß wir sieben Monate nach diesem entsetzlichen Kriege und dem die letzten Reste von Ordnung hinwegfegenden Zusammenbruch dieses stattliche Ergebnis unserer Tiroler Industrie als Zeichen des Wiederaufbaus unseres Landes begrüßen können.
Die neuen Kabinen sind nach den neuesten und modernsten Grundsätzen des Leichtmetallbaues ausgeführt, gleichzeitig wurden aber auch Formschönheit und Zweckmäßigkeit beachtet. Das elegante silbergraue Außere mit dem roten Innsbrucker Stadtwappen ist schon allein sehr gefällig und steht in krassem Gegensatz zu den alten, schon ziemlich ausgedienten Wagen der Nordkettenbahn. Ein besonderer Vorteil ist, daß die neue Kabine um 300 Kilogramm weniger wiegt und infolgedessen 40 Personen aufnehmen kann, während die alte nur einen Fassungsraum von 27 Personen hatte Wird das schon den Skifahrer im Hinblick auf die bevorstehende Wintersaison besonders interessieren, da es ihm vielfach ein längeres Warten auf Anschluß ersparen wird, so mag ihm noch
verraten sein, daß die neue Kabine auch eine bedeutend größere Innenhöhe aufweist, so daß die Skier bequem im Wagen mitgenommen werden können. Vier, mit schwarzem Leder gepolsterte Sitze vervollständigen die „erstklassige Friedensausführung“,
In der kurzen Bauzeit von zwei Monaten wurde ein Werk vollbracht, das alle Freunde der Nordkettenbahn, mögen sie nun Vergnügungsfahrer, Wintersportler oder Fremde sein, nur begrüßen werden. Freuen wir uns auf die erste Fahrt zur Höhe mit der „neuen“ Innsbrucker Nordkettenbahn!
Hilde Riedmüller.
Geburten und Trauungen. Im Monat Novem#er waren in Innsbruck 141 Geburten zu verzeichnen, und zwar 72 Knaben und 69 Mädchen. Von den 141 Geburten waren 112 Österreicher, Uaus Deutschland und 18 aus dem übrigen AusGestorben sind im gleichen Zeitraum 130 Personnn, und zwar 88 Einheimische und 42 Ortssteme Ferner fanden im November 57 Trauun
gen statt.
Die Freiwillige Feuerwehr Telfs hielt am verungenen Samstag unter der Leitung des Komnandanten Josef Sailer einen Kameradschaftsbend ab, bei welchem über Anregung des anweinden Bürgermeisters Lindacher eine Sammlung ür die Abbrändler von Grins durchgeführt wurde. Von den Feuerwehrkameraden selbst wurden am lbend 1000 Mark gespendet und gleichzeitig der beschluß gefaßt, am folgenden Tage eine Ortsammlung durch die Feuerwehr abzuhalten. In vrbildlicher Opferfreudigkeit kam die Bevölkeung von Telfs den Feuerwehrkameraden entgegen, so daß ein Gesamtergebnis von 13.577.60 Nark verzeichnet werden konnte.
Kurzschluß verursacht Brand. Am 4. Dezember nach 10 Uhr abends geriet infolge Kurzschluß in der Maschinenfabrik Anton Oberhammer in Wilten=St. Bartlmä eine elektrische Schalttafel in Brand, Das Feuer, das auf die ganze Parterrehalle überzugreifen drohte, wurde durch das energische und zielbewußte Eingreifen des Nachtwächters gelöscht, so daß die erschienene Feuerwehr nicht mehr in Aktion treten brauchte.
Tote
In Innsbruck starben: Maria Plöderl, geb. Vian, Tischlersgattin, 68 Jahre alt; Adolf Rokita, Maschinenbautechniker, 56 Jahre alt; Aloisia Schrittwieser, geb. Würtenberger, Bundesbahnoberinspektorsgattin, 75 Jahre alt; Andrä Siller, Gutspächter, 51 Jahre alt; Franz Kreuzer, Kriegsgefangener aus Steiermark, 44 Jahre alt.
In Wien starb am 7. Dezember Herr Sektionschef a. D. Dr. jur. et phil. Karl Mumelter, 70 Jahre alt.
Weihnachtsausgabe für die Kriegsopfer Innsbrucks
Die Kameradschaft Innsbruck des Tiroler Kriegsopferverbandes gibt bekannt:
Die Weihnachtsgabe des Tiroler Kriegsopferfonds für die bedürftigen Kriegsopfer in Innsbruck (mit Hötting, Mühlau, Amras, Arzl) gelangt vom 13. bis 20. Dezember in Herzog=Friedrich=Str. 3, 2. Stock, Zimmer 8, von 8 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr zur Auszahlung. Die bedürftigen Kriegsopfer beider Weltkriege (Invalide, Witwen, Waisen. Eltern) aus dem bezeichneten Gebiete wollen sich mit dem letzten Rentenbescheide oder, wenn die Rente noch nicht bemessen ist, mit dem Nachweis der Invalidität bzw. Kriegstod des Ernährers sowie unter Vorlage des Haushaltsausweise dort einfinden, und
Fleisch von den Tätern, die von der Gendarmerie ausgeforscht wurden, sichergestellt werden.
In der Nacht vom 1. Dezember wurde in Landeck=Perjen ein Kellereinbruch verübt, wobei hauptsächlich Lebensmittel entwendet wurden. Weiters wurde einer Frau auf der Bahnfahrt von Innsbruck nach Landeck am 4 Dezember ihre Handtasche mit ca. 500 Mk. Bargeld und verschiedene andere Sachen, darunter fünf Kleiderkarten, gestohlen. In beiden Fällen lenkt sich der Verdacht auf Ausländer des Lagers Landeck.
(HW)
RADIO INNSBRICK
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And das Anglück schreitet schnell
Ein Bundesbahnschlosser kam in der Remise des Hauptbahnhofes der Fahrdrahtleitung zu nahe und erlitt Brandwunden zweiten Grades an der linken Hand und beiden Fußfohlen. — In Pradl wurde eine Frau beim überqueren der Straße von einem Auto niedergestoßen, wobei sie sich eine Gehirnerschütterung und Abschürfungen im Gesicht und an den Handen zuzog. — In Wilten schnitt sich eine Frau durch unvorsichtiges Hantieren mit dem Messer beim Brotabschneiden die Schlagader der linken Hand durch. — In Mühlau fiel ein Baumstamm einem Soldaten, der auf einem Neubau als Arbeiter beschäftigt war, auf den Kopf und verletzte ihn schwer. — Einen seltsamen Unfall erlitt das Töchterchen eines Bewohners eines Siedlungshauses am Siglanger. Es lag friedlich
schlafend in der Küche auf einem Diwan, als vor dem Hause ein Schuß krachte. Ein Geschoß durchschlug die Heraklith=Holzwand und traf tragischerweise das Mädchen in den Bauch. — In der Museumstraße stürzte ein Radfahrer auf eisiger Straße und zog sich auf der Stirn und am Hinterhaupt Rißwunden zu. In der Bundesbahndirektion wurde ein Mann von schwerem übelsein befallen und in bewußtlosem Zustand aufgefunden. — Alle diese Verunglückten, denen zum Teil erste Hilfe geleistet wurde, wurden ärztlichem Beistand zugeführt.
und Einbrüche
In den letzten Tagen wurden in Innsbruck folgende Diebstähle und Einbrüche verübt: Im Keller Pestalozzistraße 13 wurden Lebensmittel gestohlen; im Keller des Sanatoriums in der Kaiserjägerstraße gleichfalls Lebensmittel. Ebenso aus mehreren Kellerabteilen in der Lindengasse 4. Aus einem Hasenstall der Egger=Lienz=Straße 35 wurden 10 Hasen und 9 Hühner entwendet. In der Maximilianstraße 5 wurden in einer Wohnung aus einer Handtasche eine Lebensmittelkarte und 270 Mark gestohlen. — Während einex Straßenbahnfahrt wurden einer Frau aus der Handtasche eine Lebensmittelkarte und 1800 Mk. und einer andern Frau mehrere Lebensmittelkarten gezogen. — Bei dem Einbruch in Kranebitten wurden im dortigen Gasthaus Lebensmittel gestohlen. — Einem
Bauern in Vögelsberg sind nachts fünf Schafe gestohlen worden; drei wurden an Ort und Stelle geschlachtet, zwei sind davongelaufen und von zwei Schafen konnte das
Mittwoch, 12. Dezember
17.30 Uhr Unterhaltungskonzert (Schallplatten, Innsbruck), 18.00 Sagen aus Tirol — Das Kasermannl, die Krönlnatter. Es liest Adolf Boßhardt (Innsbruck),
18.30 Neues vom Tage (Innsbruck), 18.45 Originalkompositionen für Klapier zu vier Händen, Olga Sohm, Odo Polzer, 19.00 Österr. Nachrichtendienst, 19.15 Österreich. Geschichte für die österr. Jugend (Dr. Hermann Gsteu, Innsbruck), 19.30 Paris, franz. Nachrichten, 19.45 Worte zur Politik, 19.55 Fünf Minuten Französisch (Wiederholung), 20.00 Gruß an Südtirol — Tiroler Volksmusik (Innsbruck). Ausführende: u. a. Geschwister Wilhelm,
21.00 Klavierkonzert — Mignon von Marschalko — Frederic Chopin — Sonate b=moll, Nocturno b=moll, Walzer As=dur, 21.30 Courrier de la grande France, 21.45 Fünf Minuten praktisches Deutsch (Wiederholung), 21.50 Emission variété francaise, 22.15 Programmvorschau, 22.20 Unterhaltung und Tanz. Funkkapelle Willy Walter (Innsbruck), 23.20 Suchmeldungen, 24.00 Paris, franz. Nachrichten.
Donnerstag, 13. Dezember
17.30 Unterhaltungsmusik (Schallplatten, Innsbruck).
18.00 Geistige Einkehr — Franz Werfel (Innsbruck). „Das Lied der Bernadette“ (Fortsetzung). Es liest Hermann Brix. 18.30 Neues vom Tage (Innsbruck). 18.45 Peter J. Tschaikowsky —. Italienisches Capriccio. Dirigent: Leopold Stokowski (Schallplatten, Innsbruck). 19.00 Österr. Nachrichtendienst. 19.15 Bunte Weltschau. 19.30 Paris — franz. Nachrichten. 19.45 Österr. Presseschau. 19.55 5 Minuten Französisch (Wiederholung). 20.00 Musik zur Weihnachtszeit. Übertragung aus der Aula der Innsbrucker Universität. Ausführende: Das collegium musicum der Universität Innsbruck. Einführung und Chor: Dr. Julius Alf. Kammerorchester Anton Steyrer. 21.00 Franz Schuhert — „Die Winterreise“, ein Liederzyklus (2. Teil). Gerhard Hüsch (Schallplatten, Innsbruck). 21.30 Courrier
de la grande France. 21.45 5 Minuten praktisches Deutsch (Wiederholung). 21.50 Zwischenmusik. 22.00 Otto Stockhammer spielt. 22.15 Programmvorschau. 22.20 Tanz= und Unterhaltungsmusik (Schallplatten). 23.20 Suchmeldungen. 24.00 Paris — franz. Nachrichten.
Die Österreichische Autorengesellschaft — A. K. M. wiedererstanden
Die gewaltsame Besetzung Österreichs hat in den Märztagen des Jahres 1938 der in aller Welt angesehenen „Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger“ ein Ende gesetzt. Mit der Wiederinkraftsetzung des vorbildlichen österreichischen Urheberrechtsgesetzes vom Jahre 1936 (BGBl. 111/36) und des gleichzeitig erschienenen Verwertungsgesellschaftengesetzes war die rechtliche Basis für die Neuschaffung der „österreichischen Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger“ gegeben.
Es liegt im Interesse aller Musikveranstalter, das Aufführungsrecht nach den Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes vor Abhaltung jeder Veranstaltung zu erwerben und sich mit der zuständigen Geschäftsstelle der Autoren, Komponisten und Musikverleger in Verbindung zu setzen. Die Geschäftsstelle für Tirol befindet sich in Innsbruck, Colingasse 9, 3. Stock. Weitere Einhebungsstellen werden in den größeren Städten Tirols demnächst errichtet werden,
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Roman
von Ernst Zahn
Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
Erstes Kapitel
Narkus Graf saß a Rain der Bergstraße, die ich zum Hochalppasse hinaufwand. Er hatte ein nageres, gelbliches Gesicht und schwarzes Haar, ihm wie einem Künstler lang in den Nacken ng. Er war jedoch seinem Berufe nach weder i Maler noch ein Dichter, wenn er auch im Her#n vielleicht das Zeug zu beiden gehabt hätte, idern hatte zu Hause in der Stadt am Bodenit das Amt eines Bereiters ausgeübt, nachdem n mangels Fleißes mehr als Begabung durch iin Doktorexamen gefallen und im Militärsenst Liebe zu den Pferden und einem mehr kör#rlicher als geistiger Betätigung zugewandten lehen gefunden.
Narkus verzehrte ein Abendorot, das er sich seiner Wanderung unterwegs erstanden. Er ohne Gier ohne Gedanken an das, was ihn ührte. Die Wolken, die über ihn hinzogen, behäftigten ihn mehr. Sie waren voll einer stumnen und stolzen Hast. Sie kamen hinter den nächtigen Bergen im Norden, hinter der Schlucht, #it er durchschritten hatte, heraufgezogen und
eilten über das weite, grüne Hochtal hin, das ihm jetzt zu Füßen lag. Hoch oben im blauen Himme! flogen sie wie riesige Vögel, die im Gleitflug schweben. Manche waren weiß und dicht wie frischer Schnee, manche silbrig und schleierdünn. Der Himmel, der sie trug, gewann, seit die Sonne im Westen verschwunden war, ein immer tieferes und innigeres Blau, das mit dem hellen Grün der Bergmatten sanft und schön zusammenklang.
Markus verfolgte einzelne dieser Wolken mit den Blicken, bis sie im zarten Schein des südlichen Horizonkes hinter den Schneebergen verschwanden. Der Wandertrieb in seinem Herzen erwachte an ihnen neu, und eine unklare Sehnsucht nach irgend welcher Ferne, die seit Jahren in ihm war, verstärkte sich. Er erinnerte sich, daß drei Straßen aus diesem Hochtale hinausführten und daß die eine sogar sich nach Italien hinabwandte, das ihm zuerst stark im Sinn gelegen. Aber nun saß er doch schon an einer anderen dieser drei stark gegen ihre Paßhöhe hin, wußte, daß sie ihn nur in ein anderes Schweizer Bergtal bringen werde, konnte aber eigentlich nicht sagen, wo er hingelangen, ja selbst, wo er diese Nacht rasten werde. So planlos und ziellos hatte er nun schon lange
in den Tag hineingelebt, gestand er sich, so blindlings auch die Fahrt unternommen, trotz seiner dreißig Jahre für die Welt noch nicht reif oder ihrer schon müde Aber er fühlte sich in diesem Augenblick doch freier als seit langem. Die starke Luft, die hier oben wehte, entriß ihn der schläfrigen Lässigkeit des Körpers und des Geistes, in welcher er letztlich befangen gewesen. Seine Lungen arbeiteten heftig in dem kühlen, fast zornigen Atem des Bergwindes. Er sah diesen Wind, er fühlte ihn nicht nur. Im Tale unten bog sich unter ihm das Hochgras der Matten, tiefe Furchen pflügte er hinein. Wenn aber ein Stoß vorbeigesaust war, wurde es ganz still.
An einem Hange dengelte ein Heuer seine Sense. Man hörte sie nicht klingen. Die Stille verschluckte den Ton. 64
Ein Adler schwebte über einem Schneeberg im Osten. dor Dörfer in der
Dann kam aus einem der Dorser in der Taltiefe ein Läuten, hilflos, zerflatternd im Winde. Man sah Leute zur Abendmette gehen.
Markus streckte die Glieder. Das Leben war ihm heute abend mehr wert als sonst. Von seiner
Stirn sprang es wie ein engender Reif. Schwer hatten Stadtschwüle und Alltag auf ihm gelastet. Das Gleichmaß der Tage, Arbeit, die nicht wohl ohnte, Freundschaft, die gähnen machte, ein abendlicher Trunk im Wirtshaus, das hatte die Sinne dumpf gemacht. Er hatte es hinter sich geassen, ohne viel Hoffnung auf ein Neues, was vor ihm lag. Er war sein Leben entlang getaunelt, träumend oder trunken, er wußte es nicht.
Er hatte gleich nich Schluß seiner Schulzeit den großen Krieg miterlebt und trug die Erinnerung an seine Schrecken und an seine Eintönigkeit, die die Seele tötete, in sich. Lustlos, mit dämmerndem Bewußtsein hatte er dann seinen Studien obgelegen. Dann war der Tag des Schicksals gekommen. Jäh, mit einem Häuser und Seelen erschütternden Knall. Eine Explosion im Hause seines Vaters, des Chemikers, hatte diesen, die Mutter und die einzige Schwester unter stürzenden Mauern begraben. Er hatte sie alle drei geliebt. Das wußte er erst jetzt, da er sie, die einzigen, die nahe zu ihm gehört, verloren. Zu ihren Lebzeiten hatten sie schlecht und recht nebeneinander hingelebt, die Eltern in den letzten Jahren leise verstimmt darum, daß er ihre Erwartungen in Bezug auf sein
Fortkommen nicht erfüllte, Dann war er plötzlich allein gestanden, noch ohne bestimmtes Auskommen, ohne Richtung, Wunsch und Ziel. Mechanisch, wie er alles bisher im Leben angefaßt, hatte er den Bereiterposten angenommen. Und mechanisch, ohne eigentlichen Grund, hatte er ihn vor kurzem wieder aufgegeben und sich auf den Weg nach Süden gemacht. Wohin? Wozu? Das mußte sich erst finden.
Markus sah jetzt, daß die Sonne schon tief im Westen stand. Er rechnete, daß er noch eben bis zur Paßhöhe kommen konnte, ehe die Nacht einbrach, Dort in dem Wirtshause, vielleicht auch nur in Stall oder Scheune würde er ein Obdach finden, dachte er.
Er erhob sich, stand in seinen Stiefeln breitspurig in der Straße und bückte sich dann nach der Tasche, die seine Habseligkeiten enthielt. Er warf ihren Riemen über seine Schulter und hängte an die gleiche Achsel seinen Rock.
Eben war er im Begriff, mit seinem weitbeinigen Reiterschritt seine Wanderung fortzusetzen, da schien ihm, daß hinter ihm eine Bewegung gehe. War es Wind? Eine Hand, die nach
ihm griff? Er war kein Angsthase. Mit ärgerlicher Raschheit drehte er sich um. Aber sogleich trat er mit unwillkürlicher Höflichkeit beiseite, um Platz zu machen. Er sah in das bleiche, volle Gesicht eines etwa vierzigjährigen, schwarz gekleideten Weibes. Sie war unbemerkt hinter ihm hergekommen, von stattlic er Gestalt, vielleicht von seiner eigenen Größe, doch breiter, und hatte glattes, schwarzes Haar. Ihr Blick begegnete dem seinen, gleichgültig oder mit der kühlen Strenge, mit der Einheimische da oben Fremde mustern, die ihnen Eindringlinge sind. Sie hatte große, graublaue Augen, deren Blick etwas Schwermutvolles, Forschendes, Besinnliches besaß, und die vermöge ihres Glanzes zu dem dunklen Haar in einem starken Gegensatz standen. Unwillkürlich senkte er
die seinen davor, um sie dann wie zum Trotz freier zu heben. Wenn er auch sogleich erkannte, daß die Frau keine von den arbeitskrummen, demütig dumpfen Kleinbäuerinnen des Landes war, schien ihm nicht Not zu besonderer Demut.
Sie machte Miene, ohne Gruß an ihm vorbeizugehen; aber aufbruchsbereit wie er war, setzte er sich ebenfalls in Bewegung.
Unwillkürlich machten sie ein paar Schritte nebeneinander.
„Guten Abend“, bequemte er sich zuerst zu grüßen.
Die Frau gab ihm den Gruß gelassen und nicht unfreundlich, aber sichtlich ungewillt zu einem Gespräch zurück.
Es zeigte sich aber, daß beide denselben schwerfällig eilelosen Gang hatten. Sie blieben ohne Absicht auf gleicher Straßenhöhe. Schon wollte indessen Markus, den die Teilnahmslosigkeit der Fremden verdroß, einen megkürzenden Wiesenpfad einschlagen, als diese fragte: „Wie weit soll es so spät noch gehen?“
Ihre Stimme war dunkel und tief, fast wie die eines Mannes. In ihr lag etwas von der Schwermut der Augen.
Markus fühlte sich aufgerüttelt und wider Wilsen gefesselt. Er gab Auskunft, daß er im Wirtshaus auf der Paßhöhe zu nächtigen und dann nach Graubünden weiterzuziehen gedenke.
„So wollt Ihr bei mir absteigen“, sagte Frau Sixta Rotmund, „ich bin die Wirtin vom Brückehaus“.“ (Fortsetzung folgt.)