Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 2 Nr. 119
Tiroler Tageszeitung
Freitag, 9. November 198
Das Wahlrecht der Nazi“
Churchills Kritik an Attlee
20 Wien, 8. November.
Da verschiedene Pressestimmen über das Wahlrecht der Nazi Unklarheiten aufkommen lassen, wird Nachstehendes verlautbart:
Vom Wahlrecht für den 25. November 1945 sind wegen ehemaliger Zugehörigkeit zur NSDAP. oder zu deren Wehrverbänden ausgeschlossen:
1. Personen, die in der Zeit zwischen dem
1. Juli 1933 und dem 27. April 1945 jemals der NSDAP. angehört, als Parteimitglieder oder Parteianwärter oder der SS (Schutzstaffel) oder der SA. als Mitglied angehört haben.
2. Personen, die in der Zeit zwischen dem 1. Juli 1933 und dem 13. März 1938 jemals dem NSKK oder NSFK. als Mitglieder angehört haben.
3. Personen, die in der Zeit zwischen dem 13. März 1938 und dem 27. April 1945 jemals dem NSKK. oder NSFK. als Führer, vom Untersturmführer oder gleichgestellten aufwärts angehört haben. Im Sinne dieser Bestimmungen sind von den ehemaligen Angehörigen der NSDAP., beziehungsweise deren Wehrverbände
nur wahlberechtigt ide Mitglieder des NSKK. oder NSFK., die nicht illegal waren oder nicht eine Charge vom Untersturmführer oder gleichgestellten aufwärts innehatten.
Es sind also nur jene Mitglieder des NSKK. oder NSFK. wahlberechtigt, die erst nach dem 13. März 1938 einer dieser Organisation beigetreten sind und auch keine Charge vom Untersturmführer aufwärts bekleidet haben.
Weiters kann von den ehemaligen Mitgliedern der NSDAP oder deren Wehrverbänden das Wahlrecht solchen Personen zuerkannt werden, die trotz ihrer Mitgliedschaft bei der Partei auspolitischen Gründen Verfolgung durch die staatlichen Behörden des Dritten Reiches zu erdulden hatten Diese letzteren Personen können das Wahlrecht im Wege des Einspruches gegen das Wählerverzeichnis erlangen. Die Einspruchskommission beurteilt, was als Verfolgung im Sinne des Gesetzes anzusehen ist. Schließlich erlangen das Wahlrecht auch solche Mitglieder der Partei oder deren Wehrverbände. für welche die provisorische Staatsregierung das Wahlrecht gebilligt hat.
der Südtiroler
Zu unserer gestrigen Notiz in Nr. 118 teilt uns die Landesstelle für Südtirol mit: Die in dieser Notiz ausgesprochene Auffassung über die Staatsbürgerschaft der Südtiroler Umsiedler entspricht einer genauen Prüfung nicht. Nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Gutachten sind die Optionen der Südtiroler als rechtsunwirksam anzusehen, weil sie auf Grund eines der der Kriegsvorbereitung dienenden und daher nichtigen Vertrages zwischen Hitler und Mussolini beruhen. Außerdem sind sie wegen
Irreführung und Zwang anfechtbar. Auf keinen Fall können die abgewanderten Südtiroler Umsiedler daher als Reichsdeutsche angesehen werden. Es ist zu hoffen, daß in absehbarer Zeit eine maßgebliche Entscheidung der Alliierten über die Staatsbürgerschaft der Südtiroler getroffen wird. Bekanntlich hat die österreichische Regierung mit Kabinettsbeschluß angeordnet, daß die hier befindlichen Südtiroler Umsiedler gleich behandelt werden wie österreichische Staatsangehörige.
London, 8 November Der frühere Premierminister Churchill, der Führer der konservativen Partei Großbritanniens, hielt im Unterhaus die erste Debatte über die Außenpolitik seit der Regierungsübernahme durch die Labourpartei. Churchill sagte dem vollbesetzten Unterhaus, daß es nicht ratsam sei, auf die Vereinigten Staaten einen Druck wegen der Bekanntgabe der Erzeugungsverfahren der Atombombe auszuüben. Bezüglich des bevorstehenden Besuches Premierministers Attlee in Washington erklärte Churchill, daß es der Wunsch der konservativen Partei sei, daß Attlee im Ausland nicht nur die sozialistische Mehrheit im Parlament, sondern alle Parteien des Staates vertrete. Churchill erwähnte Generalissimus Stalin und die „kameradschaftlichen und freundschaftlichen
Gefühle, die sich zwischen dem britischen und dem sowjeti
schen Volke entwickelt haben“ und sagte, daß e der „aufrichtige Wunsch des Hauses sei, daß diese Gefühle nicht nur bewahrt, sondern sich weiter vertiefen würden“. Er sagte dem Hause, daß Stalin „noch immer den Helm festgeschnallt hat und sein ungeheures Schiff“, die Sowjetunion, steu ert. Zu den 12 Punkten des außenpolitischen Programms des amerikanischen Präsidenten Truman sagte Churchill, daß es „der beherrschende Faktor in der gegenwärtigen Weltsituation sei“ „Die Zeit zwischen den beiden Kriegen könnte den zweiten Weltkrieg vermieden haben. Sie hätte den Völkerbund zu einer Weltvereinigung gemacht, die stark genug gewesen wäre, um ein Wiederaufrüstung Deutschlands zu vermeiden, die uns alle durch so viele Wirrnisse und Gefahren und
Deutschland selbst zur Bestrafung nochmas in den Ruin geführt hat.“
österreicher
der erste Gef
Spannung zwischen Juden und Arabern
Hitler und Mussolini reichen sich über Österreich die Hand
In den Geheimakten des Dritten Reiches, die den überfall auf Österreich behandeln, befindet sich auch der Meinungsaustausch der damals zwischen Hitler und Mussolini gepflogen wurde. Prinz Philipp von Hessen, der damals Hitlers Botschafter in Rom war, telephonierte nach dem Rücktritt Schuschniggs:
„Der Duce hat die ganze Sache sehr freundlich aufgenommen. Mussolini sagte, daß Österreich für ihn nunmehr eine erledigte Sache sei.“ Hitler antwortete: „Ich bin jetzt bereit, mit Mussolini ein besonderes Abkommen zu schließen. Ist die österreichische Angelegenheit bereinigt, so bin ich bereit mit ihm durch Dick und Dünn zusgehen. Ich werde alle Vorbereitungen jetzt treffen: Ich fühle mich nicht mehr länger in jener gefahrvollen militärischen Lage, wie es der Fall gewesen wäre, wenn ich in einen internationalen Konflikt verwickelt worden wäre.“
Andere Besprechungen zeigen Hitler bemüht, persönlich den Text einer Botschaft an Mussolini über die Ereignisse in Österreich zu feilen, um zu vermeiden, daß Frankreich und Großbritannien weiter gereizt würden, denn das ihm vorgelegte Original der Botschaft enthielt Angriffe gegen die Tschechoslowakei, die damals ja mit Frankreich verbündet war.
Hitlers Eigentümlichkeiten
„New York Herald Tribune“ berichtet über die Mitteilungen eines Offiziers, der sich in alliierter Gefangenschaft befindet und der früher zum engeren Kreise um Hitler gehörte. Er erklärte:
„Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, daß Hitler häufige Bezugnahmen auf die Vorsehung in seinen letzten Reden nur Verlegenheitsphrasen gewesen wären. Hitler glaubte tatsächlich, daß er durch die Vorsehung berufen sei und daß sie ihn und Deutschland in beson
derer Weise beschütze. Selbst nach den militärischen Rückschlägen in Rußland und der Invasion in Frankreich glaubte er daran. Seine „geradezu wunderbare Errettung vom Tod“ als die Bombe des 20. Juli neben ihm platzte, war ihm der offensichtliche Beweis, daß er ein besonders erwähltes Werkzeug der Vorsehung sei.“
Der Offizier erzählte weiter: „Hitler pflegte oft lange schweigend bei Tisch zu sitzen, während seine Umgebung plauderte. Hörte er dabei ein Stichwort, das ihn besonders aufmerksam machte, so stürzte er sich darauf, wie der Hund auf einen Knochen. Dann pflegte er das Gespräch an sich zu reißen und ein oder zwei Stunden lang ununterbrochen zu reden. Er wandte sich dabei niemals an irgendeine bestimmte Person. Die Zuhörer hatten den Eindruck, daß er eine große unsichtbare Versammlung anrede. Gewöhnlich sprach er über einen Gegenstand, den er in einem soeben gelesenen Buch aufgefangen hatte. Hitlers größte Gabe war es, sehr verwirrte Probleme auf einen einfachen Ausdruck zu bringen. Oft las Hitler zwei ganze Bücher in der Nacht. Um 4 Uhr früh pflegte
er sich dann in seinen Schlafraum zurückzuziehen.
„Wir danken unserem Führer!“
Berlin, 8. November.
Jeder deutsche Staatsbürger hat nach einer Feststellung des Vizepräsidenten der Zentralfinanzverwaltung von Berlin durch die von Hitler hinterlassene Erbschaft 10.000 Reichsmark Schulden. Da jeder Staatsbürger verantwortlich ist für das, was seine Regierung tut oder getan hat, muß Deutschland auch mit diesen 600 bis 700 Milliarden Mark Verpflichtungen fertig werden, die als öffentliche Schuld von der früheren Reichsregierung eingegangen wurden.
London, 8. November.
Von arabischer Seite wird betont — eine Darstellung, die übrigens durch die englischen Blätter bestätigt wird — daß die Unruhen in Alexandria und Kairo sich nicht gegen die Juden als solche, sondern nur gegen die Zionisten richteten. Wenn die Unruhen zu Brandstiftungen und Plünderungen führten, so habe es sich eben um einen jener Fälle gehandelt, in denen Volksleidenschaften über die Stränge schlagen. Der Grund der Demonstrationen seien vorhergehende zionistische Demonstrationen in Palästina gewesen.
Die berühmte Erklärung des englischen Ministerpräsidenten Balfour war in einem Briefe enthalten, den er am 2. November 1917 an Lord Rothschild gesandt hatte. In diesem Brief erklärte Balfour, Großbritannien begünstige die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Dabei sei es selbstverständlich, daß nichts geschehen dürfe, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften Palästinas antastet. Der Friedensvertrag vom Jahre 1919 übertrug Großbritannien das Mandat über Palästina, so daß der Plan Balfour ausgeführt werden konnte. Die zionistische Weltorganisation leitete einen starken jüdischen Einwandererstrom nach Palästina. Die Landerwerbungen der Juden reizten die Araber auf. So wuchs der Gegensatz zwischen Arabern
und Juden bis zu jener Heftigkeit, die im Mai 1939 einen neuen Schritt der britischen Regierung erforderte. Damals erschien das Weißbuch des englischen Kolonialamtes. In diesem wurde vorgeschlagen,
daß Palästina innerhalb von zehn Jahren ein unabhängiger Staat werden sollte, in dem Ara ber und Juden die Verantwortung für die Regierung teilen sollten.
Gleichzeitig sollte die jüdische Einwanderung übe eine Periode von fünf Jahren auf 75.000 beschränkt werden. Dagegen protestierten die Zu den der ganzen Welt, denn die Judenverfolgungen Hitlers waren geeignet, einen großen Zu strom nach Palästina in Gang zu bringen. Vor kurzer Zeit hat Präsident Truman geforder, daß die Einwanderung von 100.000 Juden auf einmal gestattet werden sollte. Gleichzeitig abe traf der Generalsekretär der panarabischen Liga, die 50 Millionen Araber umfaßt, in London ein, um zu fordern, daß England bei dem Standpunkt des Weißbuches verharren solle. Auf de anderen Seite haben sich Extremisten der jüdi schen Kreise Palästinas während der letzten drei Jahre zu terroristischen Greueltaten hinreißen lassen, die mit der Ermordung
von Lord Woyne begannen und die erst in den letzten Tagen zu Angriffen gegen die große Ölleitung nach Haiß führten. Den Juden war die englische Politik zu araberfreundlich, den Arabern war sie zu juden freundlich. Das war auch der Grund, weshal sich der Großmufti von Jerusalem während de Krieges in das Lager der Achsenmächte begb und von diesen wie ein Tanzbär zur Schauge stellt wurde. Ein englisches Blatt sagt, die Lag in Palästina ist heute so kritisch, daß schon jeder Tag, der ohne Zwischenfall verläuft, ein wahlt Triumph sei.
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Unrra
„Die Unrra muß aufrechterhalten werden, wenn in diesem Winter nicht Hunger, Kälte und Krankheiten in den früher besetzten Gebieten Europas und im fernen Osten wüten sollen.“
(„New York Times“)
Amerika
„Ich hörte einmal von einer gewissen AtlanticCharter etwas läuten. Doch das ist schon lange her. Es war ja noch zu den Zeiten Hitlers.“
„Le Courrier de Paris“, 6. Nov.)
Deutschland
„Die Niederlage des Reiches war bereits offenbar ein Jahr vor der Schaffung der zweiten Front. Sie war offenbar, als die russischen Truppen begonnen hatten, die Deutschen aus Rußland zurückzuwerfen.“
(Molotow in seiner Rede vom 5. November.) österreich
„Was Not tut ist, ohne Ansehung und Unterschied der Nationalität, der Rasse und der Volkszugehörigkeit, eine neue Front zu schaffen, die Front der anständigen Menschen gegenüber den Lumpen.“
(„Salzburger Nachrichten“ vom 6. November.)
Palästina
„Attlee und Truman werden nicht zur ühe die Atombombe sprechen, denn die Vorgänge in Palästina sind ein ebenso bremm des Problem.“
(„Paris=Presse“, 6. Nov
Tschechoslowakei
„Wir sind mit den westlichen Demokrafe durch Bande der Freundschaft verknüpft Sowjet=Union ist die einzige Macht, mit derm einen Bündnisvertrag geschlossen haben, dem# durchaus treu bleiben wollen.“
(Der tschechoslowakische Informatios minister Korpetzky zum 28. Erinnerung tag der russischen Oktoberrevolution) Die großen Drei
„Mit großer Sorge wartet die Welt darauf daß die Großmächte durch eine Anstrengung de gegenseitigen guten Willens die Verhandlungen wieder aufnehmen, um sie erfolgreich abzuschle ßen.“ („Libé=Soir“, 6. Nav)
Krieg und Wirtschaft
„Eine der Hauptursachen — wenn nicht hauptsächlichste — der Kriege des 20. Jahrhun derts liegt im wirtschaftlichen Mechanismus un im Verlust des Gleichgewichtes unter den V# kern, den er herbeigeführt hat.“
(„L"Ordre“, 5. Nov.)
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„Rote“, Grüne und „Schwarse“
Im Jahre 1938 waren in Buchenwald ursprünglich nur deutsche Häftlinge interniert. Die „Heimkehr“ der Ostmark ins Reich wirkte sich dort so aus, indem im September der erste Schub Österreicher seinen Einzug ins Konzentrationslager hielt. Wir eröffneten den Reigen der Nationen, der später im Kriege seine Fortsetzung nahm. Mit jedem neu besetzten Land Europas schluckte das Lager wieder eine gehörige Portion seiner Bewohner, die dort die Segnungen des Dritten Reiches sozusagen an der Quelle kennen lernten.
Die Struktur der Lagerinsassen war damals eine eigentümliche. Da gab es die „Roten“, die politischen Schutzhäftlinge, nach der Farbe des Stoffwinkels bezeichnet, den sie ober der Häftlingsnummer am Rock auf der linken Brustseite und am rechten Hosenbein in der Höhe des Oberschenkels trugen. Die Politischen dünkten sich als Lageraristokratie, waren in Steinblocks untergebracht und besetzten, im Wettbewerb mit den „Grünen“ die prominenten Stellungen.
Diese „Grünen“ oder kurz „B. V.er“ und mit dem vollen Ehrentitel „Berufsverbrecher“ genannt, waren durch grüne Winkel gekennzeichnet. Auch sie glaubten mehr zu sein wie die anderen, da sie als die ältesten Lagerinsassen mehr Vorrechte für sich in Anspruch nahmen und machten daher den „Roten“ oft den Rang in den führenden Positionen, die im Lager zu vergeben waren, streitig.
Unter den „Roten“ gab es wohl zahlreiche waschechte „Politische", Männer, die für ihre
Weltanschauung mannhaft eingetreten waren und ihrer Abneigung dem Nationalsozialismus in Wort und Tat Ausdruck gegeben hatten, viele Parteifunktionäre aller Schattierungen und Angehörige antinazistischer Organisationen, darunter Leute von Rang und Namen, Persönlichkeiten von Format. Aber auch ehemalige Fremdenlegionäre und Emigranten, die man eingefangen hatte, zählten zu den Politischen. Es fanden sich dazu nicht wenige mit einem etwas zweifelhaften politischen Vorleben. Sie verdankten vielfach nur einem Zufall, daß sie zu politischen Verbrechern gestempelt wurden und wußten oft gar nicht recht warum die Gestapo sie geholt hat Sie hatten mit Politik sehr wenig oder gar nichts zu tun, waren in der Mehrzahl auch kriminell vorbestraft und wurden
gerade dabei erwischt, als sie irgendwo ein unrechtes Wort äußerten. Wir behaupteten im Scherze, sie hätten in der Kirche falsch gesungen.
Dazu kamen noch mehrere ehemalige Parteigenossen, die gegen die Parteidisziplin verstoßen hatten und nun wegen Parteiverrats saßen. Sie gebärdeten sich als wilde Antinazisten, aber nur weil sie in dem Affentheater nicht mehr mitspielen durften.
Die Berufsverbrecher rekrutierten sich teils aus der Gilde der Schwerstverbrecher aller Fakultäten, teils aber auch aus harmloseren Sünderkreisen, die ihre schreckliche Bezeichnung wohl zu Unrecht trugen Die Farben wurden ja von der SS.= Lagerführung verliehen. Die nahm es damit nicht immer genau. Willkürlich bestimmte irgend ein SS.=Unterläufel die Häftlingskategorie. Es kam daher vor, daß manche Rote als Grüne und
viele Grüne auch als Rote herumliefen. Es lag ja auch nichts daran, denn ein Schutzhäftling ist kein Mensch, er ist weniger wie ein Tier, eine Nummer nur, die gestrichen wird, wenn er seine arme Seele aushaucht. Ein Häftling im Konzentrationslager hatte nur ein Recht: zu sterben. Sonst nichts!
Im Machtkampf um die gehobenen Häftlingsfunktionen, wie die als Lager= oder Blockälteste, als Kapos oder Vorarbeiter wechselte Rot und Grün, je nachdem wie die Lagerführung die eine oder die andere Gruppe jeweils förderte. Als Kampfmittel wurden u. a. Spitzelei, Verrat an die SS., jede Art Intrige, ja sogar Gewalt bis zum Totschlag und Mord angewendet. Die Funktionäre waren durch schwarze Binden am linken Armel kenntlich gemacht, auf welchen in leuchtend weißer Farbe die Würden der Träger zu ersehen waren.
Nur eine Sorte von „Bindenträgern“ unterschied sich wesentlich von den Lagergewaltigen: die „Blöden“. Beschränkte, geistesschwache Menschen, die so gezeichnet im Lager herumlaufen mußten.
Die nächstgrößte Gruppe war die der „Schwarzen“, der Asozialen oder Arbeitsscheuen. Die Mehrzahl von ihnen trug den Namen zu Recht, manche hingegen waren Opfer von Denunziationen, von Ränken. Rachsucht. Geschäftsneid oder von ähnlichen netten, menschlichen Tugenden. Wer aus solchen Motiven einen Mitmenschen ins KZ gebracht hat, war ärger zu werten wie ein Mörder, denn KZ. war damals schlimmer wie der Tod — Die meisten der Schwarzen waren mehrfach kriminell vorbe
straft, meist wegen Landstreicherei, kleinem Diebstähle (wir sagten zu ihnen „Hühnerdiebe Arbeitsverweigerung, Preistreiberei und wegen ähnlicher Delikte, die sie haupt= oder nebenberu# lich ausgeübt hatten. Die Schwarzen waren das Lagerproletariat, auf welches. Rot und Grün ringschätzig herunterblickte. Sie hatten das Privileg „abkochen“ zu dürfen, das heißt, die Mit häftlinge um Essen oder „Kippen“, bei uns de heim „Tschicke“ genannt, anzuschnorren. Sie bo ten sich zu den untergeordnetsten Diensten um ein Stückchen Brot oder einige Zigaretten an kurz, sie setzten ihr altgewohntes Zivilleben in Lager fort und fühlten sich relativ wohl. Da wat beispielsweise ein Schwarzer, der aufgerufen wurde, um entlassen zu werden Er bat den La gerführer um Aufschub seiner
Entlassung, weil et an einem der nächsten Tage im Turnus zur — Sirupfassung dran war. Der Aufschuh wurde gnädig gewährt, und zwar so lange bis er durch den Schlot des Krematoriums entlassen wurde Wir sagten dazu kurz: er ging über den Rost Die Zigeuner, die damals in Massen ins Laget getrieben worden waren, gehörten auch zu d# Schwarzen. Von den Asozialen waren nur fent ge für Funktionen ausersehen. Sie hätti ihr Kommando gegen Brot verschoben. Was ein richtiger Schwarzer war, konnte im Handumdrehen sechs bis acht „Schläge“ (Portionen) des schlechtesten Essens herunterwürgen, um sich dann hinzulegen und zu sterben. Wenn er nur einmal satt wurde Marinkopic.
Notruf an das überfallskommando