Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:11
- S.10
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Seite 2. Nr. 115
Tiroler Tageszeitung
Montag, 5. November 1943
Hitlers Selbstmord
Berlin, 4. November.
Ein Offizier des britischen Geheimdienstes sagte heute, daß Eva Braun, Hitlers Eintagsfrau, während der letzten Tage von Berlin der tapferste Mensch im Luftschutzkeller der Reichskanzlei war.
Bei der Bekanntgabe weiterer Einzelheiten über ihren Selbstmord mit Hitler erklärte er, daß Hitler selbst sich in einem Zustand nervöser Niedergeschlagenheit befand. Nachdem er am 22. April beschlossen hatte, bis zum Ende in der Reichskanzlei zu verbleiben. General Alfred Jodl und Feldmarschall Wilhelm Keitel betrachteten ihn als feige, da er nicht nach dem beschlossenen Plan handelte, sich nach Berchtesgaden zurückzuziehen, wo Munitionsvorräte eingelagert waren. Hitler beschuldigte nach der Reihe jeden einzelnen, außer Eva Braun, ihn verraten zu haben. Sie überredete Hitler, die Bitte seiner Generale zu ignorieren und statt dessen in Berlin zu bleiben und zu sterben. Der Offizier sagte, daß vier Hauptgeheimnisse verblieben:
1. Was wurde schließlich aus den Leichen?
2. Was wurde aus Hitlers Testament, das er am 29. April machte?
3. Was wurde aus Martin Bormann, nach
dem der Tank, auf welchem er aus Berlin zu entkommen suchte, explodierte?
4. Was wurde aus der Chronik, welche Bormann über die letzten Tage im Luftschutzkeller der Reichskanzlei schrieb? Die Tatsache, daß Bormann den Luftschutzkeller verließ und aus Berlin zu flüchten versuchte, ist als eines der sichersten Zeichen zu betrachten, daß Hitler tot ist, denn Bormann wäre bis ans Ende bei Hitler geblieben.
Eine Antinazi=Bilderschau in Hitlers Geburtshaus
Braunau, 3. Novemder. In Hitlers Geburtshaus wurde eine Schau von Bilddokumenten geschaffen, die Zeugnis von der Schuld ablegt, die diese Gottesgeißel auf sich geladen hat. Im Vorraum zeigen Bilddokumente den Aufstieg Hitlers und seiner Partei und ihren rasenden Zerfall bis zum bitteren Ende, sichtbar in den Ruinen der Städte und im Flüchtlingselend. Der Mittelpunkt ist die KZ.=Schau in Hitlers Geburtszimmer, eine nicht große, aber wirksame Sammlung von Bildern des unsagbaren Grauens. Hier steht die Inschrift: „In memoriam.“ Angegliedert ist eine Sammlung alter und neuer Volkskunst und Bilder heimischer Maler.
Die Vorgeschichte des Überfalles auf Österreich
Enthüllungen des Bundeskommissars a. D. Oberst Adam
Bundeskommissär a. D. Oberst Adam, der letzte Pressechef der Regierung Dr. v. Schuschniggs erklärte in den „Salzburger Nachrichten“:
„Bei der Begegnung in Berchtesgaden erklärte Hitler dem Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, daß er keine Intervention einer dritten Macht zu befürchten habe. Er sagte ungefähr, daß ein militärisches Einschreiten gegen Österreich für ihn (Hitler) ein um 90 Prozent geringeres Risiko bedeute als seinerzeit die Remilitarisierung des Rheinlandes.
Die Tatsache, daß Hitler mit seiner Voraussage, betreffend das Risiko eines Einmarsches in österreich Recht behalten hat, ist meines Erachtens nicht ohne Bedeutung für die Beurteilung der weiteren Entwicklung in Europa und auch das Verhalten eines Teiles der österreichischen Bevölkerung.
Im Zusammenhang mit diesem Thema darf ich noch eine Mitteilung erwähnen, die mir Reichskommissär, Oberbürgermeister Dr. Gördeler wenige Wochen vor dem 20. Juli 1944 gelegentlich einer geheimen Unterredung in einem Dorf des Westerwaldes (Hessen=Nassau) gemacht hat.
Gördeler deckte Zusammenhänge auf Dr. Gördeler behauptete, daß der überfall auf Österreich für einen späteren Termin, etwa
Sommer 1938, geplant gewesen sei. Inzwischen sei es jedoch einer Gruppe von Generalen gelungen, bei Hitler die Anordnung einer ordnungsmäßigen gerichtlichen oder ehrenrätlichen Untersuchung gegen General Fritsch durchzusetzen. Fritsch soll durch gefälschte Dokumente Himmlers in den Verdacht homosexueller Vergehen gebracht worden sein. Hitler weigerte sich, ein ordentliches Verfahren einzuleiten, mit der Begründung, er sei sich selbst Richter genug. Erst als einige Generale mit einer Fronde der Generalität drohten, gab er nach und gestattete die Einleitung eines militärgerichtlichen Verfahrens. Die obersten Parteiinstanzen befürchteten nun einen Skandal und auch Hitler schloß sich diesen Befürchtungen an.
11. März 1938: Verlegenheitstermin
In dieser Lage sei man auf den Ausweg verfallen, durch eine große europäische Sensation — eben den Gewaltstreich gegen Österreich — die Aufmerksamkeit von den Vorgängen in der hohen Generalität abzulenken. Demgemäß sei der Termin des Einmarsches auf den März vorgelegt worden.
Soweit die Darstellung Dr. Gördelers. Ich kann für ihre Richtigkeit nicht bürgen, aber die Person Gördelers gibt mir einige Gewähr, daß es sich nicht um ein frei erfundenes Gerücht handelt.“
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Neuestes vom Tage
Der frühere Präsident der slowakischen Republik Tiso und sieben Mitglieder seiner Regierung, die nach dem Einmarsch der Roten Armee in die Slowakei nach Deutschland geflohen waren, sind nun von der amerikanischen Polizei den tschechoslowakischen Behörden in Preßburg übergeben worden.
Im Nürnberger Gebäude des „Stürmer“ wurde die Julius-Streicher=Sammlung gefunden, das in die größte Sammlung von pornographischen Bildern und Büchern, die je auf der Welt gesammelt worden ist.
Der tschechoslowakische Ministerpräsident Fierlinger erklärte vor der Nationalversammlung neuerdings, daß zweieinhalb Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei ausgewiesen werden müssen.
In der sowjetischen Zone Deutschlands wurde der bargeldlose Verkehr eingeführt.
In Amerika wurde der 2. November als „Freiheitstag der Frauen“ erklärt. Aus Anlaß des 25. Jahrestages der Präsidentschaftswahlen, bei denen zum erstenmal Frauen mitwählen.
Das amerikanische Außenamt warnt Zivilreisende, in jene Länder Europas und Asiens zu reisen, die unter militärischer Kontrolle stehen.
Eine Weltkonferenz zur Erhöhung der sozialen Verantwortung der Wissenschaftler wird für anfangs des nächsten Jahres nach London einberufen.
Der. Kriegsverbrecherprozeß soll, wie es heißt, Mitte Jänner beendet werden.
In Großbritannien wird eine Gesellschaft für den Luftverkehr zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland errichtet werden.
Die neue Regierung von Großhessen wurde gebildet. Ministerpräsident ist Professor Geier, der keiner Partei angehört.
Die Wirkungen der Luftangriffe auf Deutschland
In Deutschland wurden durch-Bombardierungen
1,080.000 Zivilpersonen getötet oder verletzt,
3,600.000 Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. 7,500.000 Menschen sind obdachlos geworden.
Die Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten und Großbritannien warfen 2,7 Millionen Bomben ab. Die Zahl der gestarteten Bomber betrug 1,440.000, die der Jagdflugzeuge 2,480.000. 79.206 amerikanische und 79.281 britische Flieger kamen ums Leben.
Als die Kämpfe an der Westfront auf dem Höhepünkt standen, befanden sich 28.000 alliierte Flugzeuge im Dienst, deren Mannschaften insgesamt 1,3 Millionen betrugen.
Der Kölner Dom droht, „United Preß“ zufolge, nach der Ansicht britischer Genieoffiziere einzustürzen. Die Alliierten versuchen aber, den Bau zu retten; sie beabsichtigen, die geschwächten Stel
len zu verstärken. Der Dom kann aber bis auf weiteres nicht mehr besichtigt werden und das ganze Gebiet rund um die Gefahrenzone ist abgesperrt worden.
Berlin, 3. November, über die Zerstörungen in Berlin berichten folgende Zahlen: 25.000 Gebäude sind vollkommen zerstört, 18.000 Gebäude sind so schwer beschädigt, daß eine Reparatu nicht in Frage kommt, 21.000 Gebäude sind reparaturbedürftig, 155.000 Gebäude befinden sich in einem Zustand, der ihre Benützung erlaubt, obgleich die meisten von ihnen beschädigt sind. Zwan, zig Prozent der Stadt sind also vollkommen zer stört. Der am schwersten getroffene Teil ist Steglitz, wo nur ein Viertel der Häuser stehen blieb. Im Tiergartenviertel, wo die letzten Kämpfe stattfanden, sind 70 Prozent der Häuser vollkom men zerstört. Von den großen Hotels, Theatern, Kinos, Kaufläden, Ministerien und Eisenbahnstationen sind 65 Prozent vollkommen zerstört.
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Heimkehr der Kriegsgefangenen aus Amerika
Washington, 4. November. Wie ein Sprecher des Kriegsministeriums heute mitteilt, werden alle früheren Kriegsgefangenen der Achsenmächte, die sich in den Vereinigten Staaten befinden, ungefähr 400.000 an der Zahl, bis Ende des Winters oder Anfang Frühling des nächsten Jahres nach Hause entlassen werden. Es sind dies 50.000 Italiener, 5000 Japaner und der Rest Deutsche.
Die Deutschen und Japaner werden nach folgender Reihenfolge heimgeschafft werden: Kranke und Verwundete, zur Zusammenarbeit Willige und zur Zusammenarbeit Nichtwillige. Die Zahl der zurückkehrenden Kriegsgefangenen hängt von der Aufnahmemöglichkeit ihrer Heimatländer, von der Verfügbarkeit von Schiffsraum, von der Arbeitslage in den Vereinigten Staaten ab.
Amerika für Österreich
New York, 3. November. Nach einer Korrespondenz der „New York Herald Tribune“ aus Frankfurt wird Österreich von den Vereinigten Staaten in wirtschaftlicher Hinsicht als befreites Land behandelt werden. Große Quantitäten an Lebensmitteln werden aus Amerika eingeführt
und auf Kredit gewährt werden. Bis zum Jänne sollen von Amerika nach Österreich 168.429 Tonnen Lebensmitteln mit einem Werte von fün Millionen Dollar eingeführt werden.
England und die österreichische
London, 2. November. Im britischen Unterhaus wurde am Mittwoch an Staatsminister Hynd die Anfrage gerichtet, ob die britische Regierung gemäß der Moskauer Erklärung Schritte zu unternehmen gedenke, damit keine Inflation in Österreich entstehe. Staatsminister Hynd erwiderte, die britische Regierung widme ihr besonderes Augenmerk der Erneue rung der österreichischen Wirtschaft Der Vertreter Großbritanniens im Alliierten Rat für Österreich habe heute Weisungen über den Standpunkt der britischen Regierung in diesen Fragen erhalten. Auch der britische Botschafter in Moskau sei darüber unterrichtet worden. Der Al liierte Rat für Österreich bemühe sich, mit allen Kräften eine Inflation zu verhindern. Großbritannien sei der Auffassung, daß Österreich als eine
wirtschaftliche Einheit behandel werden müsse.
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Ehrenpromotion des Staatskanzlers Dr. Renner
Wien, 4. November.
Unter Teilnahme von Vertretern der alliierten Besatzungsbehörden und der Spitzen der staatlichen und zivilen Stellen Österreichs fand am 29. Oktober im Auditorium maximum der Universität Wien die feierliche Promotion des Staatskanglers Dr. Renner zum Ehrendoktor der Staatswissenschaften statt. Es ist ein eigenartiges Gefühl, über die breite Auffahrtsrampe durch die Gänge dieses altehrwürdigen Hauses zu einer Festfeier zu wandern, wenn von oben durch die Bombenlücken der blaue Himmel schaut und die Zeichen der Zerstörung überall sichtbar werden. Aber das Auditorium maximum, das gottlob verschont geblieben ist, bietet einen künstlerisch fein abgestimmten festlichen Anblick. Palmen und Blattpflanzen schmücken die Tribüne, die österreichische Fahne ist
angebracht und mit ihr nimmt einen Ehrenplatz die alte Universitätsfahne ein.
Als der akademische Senat mit Dr. Renner erscheint, sind Saal und Galerie bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Die „Festfanfare“ von Hadraba, gespielt von Fanfarenbläsern der Wiener Philharmoniker, rauscht auf. Der Dekan der juridischen Fakultät, Prof. Dr. Ferdinand Degenfeld=Schönburg, verkündet den Promotionsbeschluß.
Hernach ergreift der ktor der Universität, Dr. Ludwig Adamovich, das Wort zu geistvol len und fesselnden Ausführungen, in denen e einerseits den Lebenslauf des Kanzlers würdigt andererseits einen Rückblick auf die getane Auf bauarbeit der letzten Monate gibt.
Nun verliest der Prorektor als Promotor diein lateinischer Sprache verfaßte Diplomsurkunde und nimmt die Promotion vor. Dr. Renner dankt in bewegten Worten für die ihm erwiesen Ehrung und schildert seine stete Liebe zu den Wissenschaften, die ihn wahrscheinlich auch zun Wissenschaftler gemacht hätten, wäre ihm nicht die politische Laufbahn vorgeschrieben gewesen. Nun sei er durch diesen Festakt doch noch unmit telbarer als sonst ein Kind der „Alma mater" ge worden, worüber er sich besonders freue. De Schaffung einer geordneten Rechtsgrundlage be trachte er als Voraussetzung für die Demokrate im neuen Staat.
Es handelt siansteckende Kra eine Krankheit, tun hat. In den heimischen, die keite, die letzte ersten Kartoffelr kommender Wer fallen und den Piesen von St. der Bäume und ubigen Bronze kstanien war kramte bereits suchte nach Lack Ganz Eifrige Christoph aufste gen um Mitnah Der Pulver b
Die „Festmusik“ von Hadraba und das „Gaudeamus igitur" beschlossen die eindrucksvolle Feier, die nach Verleihung der Ehrendoktorwürde an den ebenfalls anwesenden Kardinal Erzbischof Dr. Innitzer im März 1936 den ersten gleichen Festakt im wiederum freien Österreich darstellt
überall, stehen, frü nachmittag
Jazzen, in „Bringt un Bird die C hen? Wer" zunehmen Fremd meetings und O: W
Merbsttage in Paris
Dem Datum nach ist es zwar Herbst, Mitte Oktober. Doch die Luft ist noch so lau, die Sonne so warm und gerade die ersten gelben Blätter sinken langsam herab in den Alleen des Jardin des Tuileries. Kinder in Sommerhöschen lassen ihre Schiffchen im Bassin des Luxembourg treiben und in den Cafés auf den großen Boulevards sitzen leichtgekleidete Gäste im Freien und lassen den bunten Strom der Menge an sich vorüberziehen. Die Eiswagen haben noch Hochsaison und Bier wird dem „café nature“ noch vorgezogen.
„Was ist os in Paris? Wie ist das Leben dort? Was gibt es Neues in Literatur, Kunst, Theater?“ Jeder bestürmt mich mit Fragen, jeder will wissen, wie die Hauptstadt Frankreichs aussieht. Denn es gibt noch nicht viele, die heutzutage gerade frisch aus Paris zurückkommen?
Ja, was fiel mir am meisten auf in Paris? Eine unzerstörte Großstadt zu finden, in der ein Leben pulst, das völlig friedensmäßig ist, für unsere Verhältnisse wenigstens. Ich fand jene Stadt, die ich vor 16 Jahren zum ersten Male betreten habe, die ich seither fast jedes Jahr wiedersah, bis uns der Krieg auseinanderriß. Welche Massen strömen durch die Champs Elysées nach Büroschluß! Welcher Sinnenrausch, des Abends durch die hellerleuchteten Boulevards zu streifen und wieder alle jene Dinge in den Schaufenstern zu bestaunen, die einem fernen Märchenlande anzugehören schienen! Und die herrliche Weite des Ausblickes vom Obelisken der Place de la Concorde aus: Are de Triomphe, Madeleine, Chambre des Députés! Dann über der Seine von den weißglänzenden
Terrassen des Trocadéros herabzüblicken auf Paris, oder versonnen am stillen Kai der Ile de la Cité zu lehnen und vor dem Stein
wunder der Notre Dame zu träumen: das alles ist wieder Paris, ist wieder jene Welt der Wirklichkeit, die trotz aller stürmischen Ereignisse, deren Schauplatz auch Paris gewesen ist, sich hier so rein und unverfälscht erhalten hat wie in keiner anderen Großstadt Europas. Es scheinen die letzten sieben Jahre nur ein böser Traum gewesen zu sein: Paris ist so geblieben, wie es in meiner Erinnerung war, seiner Zauberkraft gelingt es, mich all die grausen Jahre des Krieges vergessen zu lassen. Doch in seiner geistigen Entwicklung ist Paris nicht stehen geblieben.
Man sehe sich nur die Fülle von Neuerscheinungen auf dem Büchermarkte, Zeitschriften, Zeitungen (trotz Papiermangels!) an! Die Mannigfaltigkeit der Meinungen erscheint in ihrer ganzen Tragweite, ein Blick in die große Welt tut sich uns auf: es ist eine wahre Freude zu leben!
Im Louore: Ausstellung von Meisterwerken der Malerei, Plastik und des Kunstgewerbes, die alle, sorgsam in den Kellern gehütet, die schlimmen Zeiten überdauert haben. Wohl noch nie säh ich eine solche Häufung erlesenster Werke aller europäischen Maler. Da kam mir die Einheit unserer Kultur so deutlich ins Bewußtsein. Geht man dann hinüber zum Trocadéro, um sich den Salon d"Automne anzusehen, wird man überwältigt von einem Farbenrausch und einer Neuheit der Formgebung, so daß man in eine andere Welt einzutreten glaubt: Wie man auch zu dieser modernen Kunst stehen mag, unsere geistige Verarmung durch Krieg und Kunstdiktatur kommt uns hier so recht zum Bewußtsein.
Gegen dreißig Theater sind alle Tage überfüllt. jeder will das vielbesprochene Drama „Caligula“ von Camus gesehen haben, für Konzerte oder Varietés sind kaum Karten zu haben. Wer kennt nicht René Clairs Film „Les enfants du Paradis“ (Kinder des Paradieses) im Kino Madeleine oder
„La Cage aux Rossignols“ (Der Käfig der Nachtigallen) im Aubert Palace?
Freilich, die Preise! Sie haben eine phantatische Höhe erreicht. Und noch immer gibt es Ledensmittelkarten. Wenn auch Obst und Gemüse frei erhältlich sind und auch Brot bald frei sein wird, so sind Fleisch, Fett, Zucker streng rationiert und es gibt oft die ganze Woche kein Fleisch in den Läden. Aber jedermann weiß, daß es von jetzt ab nur noch besser werden kann, daß das Argste überstanden ist. Und das ist auch der Grund zu. dem überall sichtbaren Arbeitseifer, dem unglaublichen Arbeitstempo, das Paris erfaßt hat: es muß vieles nachgeholt werden, es müssen all die Verwüstungen des Krieges beseitigt werden, Frankreich muß wieder die ihm gebührende Rolle in der Reihe der Großmächte spielen können. Nach Zerstörung aller Verkehrslinien, Vernichtung und
Verschleppung der Verkehrsmittel durch die Deutschen bei deren Rückzug hatte Paris im vergangenen Winter keine Kohle, fast kein Gas und die Nahrungsmittelzuteilungen waren äußerst gering. Durch gemeinsame Bemühungen und vollen Einsatz aller Pariser ist dies alles jetzt überwunden und Paris wieder, auch im wahren Sinne des Wortes, die „Ville lumière“ geworden.
Diese Einmütigkeit im Wiederaufbau des Vaterlandes hat auch die Folge gehabt, daß jetzt, mitten im Wahlkampfe, der Streit der Meinungen sich in sehr gemäßigten Formen abspielt, trotzdem es sich beim „Referendum“ um eine Entscheidung handelt, wie sie seit dem Bestande der Republik nicht gesällt wurde. Man stellt fest, ob einer ein =Qui=Qui“ oder „Qui=Non“ ist, doch niemand nimmt des anderen Meinung übel; Gehässigkeit ist überhaupt nicht zu bemerken.
Viele Uniformen sieht man noch auf den Straßen, doch gehören diese schon zum gewohnten Bild und werden kaum noch beachtet. Auch die ge
mächlich dahintrottenden Einspänner, die die sehlenden Taxis ersetzen, fallen nicht mehr auf. Hin gegen ist die gute alte „Métro“ jetzt zu einen Allverkehrsmittel geworden, ständig überfüllt, trotz dichter Zugfolge. Wen sich die automatischen Türen zum Eingang in die Stationen schließen da hält man im Strome der Leidensgenossen inne Schicksal! Aber in zwei Minuten kommt ja de nächste Zug!
An vielen Stellen in den Straßen und auf den Plätzen sind Marmortafeln angebracht, meist mit Blumen geschmückt. Sie erinnern an die Opfer die die Pariser für ihre Befreiung gebracht haben. „Hier starb der Soldat N. N. der Division ## Clere den Heldentod“ oder „Hier wurden zwei unbekannte Pariser von den Deutschen erschossen“
Nicht ohne Opfer wurde Paris befreit. Aber jeder Pariser weiß, daß die Stadt sich selber freigekämpft hat, bevor die alliierten Truppen ein rückten. Das ist sein Stolz und das Bewußtsein, daß er dadurch seine Stadt vor schweren Schäden bewahrt hat, stärkt ihn.
Das Leben beginnt wieder lebenswerter zu werden, der Fleißige und Tüchtige findet wieder sein Auskommen, die Zukunft wird wieder aussichtsreich. Und soll diese Haltung, dieser Einsatz nicht auch uns ein Beispiel sein? Auch wir müssen uns wieder hinaufarbeiten, den Meinungsstreit zurückstellen, und wer an der Zukunft nicht verzweifell, kann die größten Hindernisse besiegen.
Ein Abglanz des heutigen Paris wird auch auf uns fallen, dies dachte ich mir immer, wenn ich mitten im Trubel des wiedererstandenen Pariser Lebens war. Je mehr Paris, und Paris ist und bleibt das Herz Frankreichs, erstarkt, desto eher werden auch wir unter dem Schutze dieses neuen Frankreichs zu normalen, friedensmäßigen Verhältnissen zurückfinden!