Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:7
- S.9
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Rsoidr Eagssieiiatt
Herausgegeben von den amerikanischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung
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Nummer 13/ 1. Jahrgang
Redaktionelle Sinsendungen und Aufragen sind zu richten an IS B, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4. — Druck: Tyrolia, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4
Freitag, 6. Juli 1995
Franzosen besetzen Tirol
bilden, der in zwölf Verwaltungsabteilungen eingeteilt wird.
Salzburg, 5. Juli. (JSB.) Entsprechend Gruenther zu seinem Stellvertreter ernannt.
einer unter den siegreichen Nationen getroffenen Vereinbarung, der gemäß die Länder Tirol und Vorarlberg von Frankreich besetzt werden, verlassen heute die amerikanischen Militärregierungsstellen und Besatzungstruppen Tirol.
Die amerikanische Verwaltung Tirols war eine Zwischenlösung bis zur endgültigen Beschlußfassung über den Besetzungsplan. Einzelne französische Truppenteile sind bereits in Innsbruck eingezogen.
Die amerikanischen Truppen werden weiterhin die Länder Salzburg und Oberösterreich besetzt halten.
Clark über Oesterreich
NewYork, 5. Juli. General Mark Clark, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungstruppen in Oesterreich, erklärte gestern, er hoffe, in den nächsten Tagen in Wien einzutreffen, um dort sein Hauptquartier zu errichten. Wie bekannt wird, hat er seinem Generalstabschef General Alfred
Sein Stabschef in Oesterreich wird General Bann sein. General Keyes wird das 2. amerikanische Korps befehligen, das die Besatzungstruppen für Oesterreich stellen wird. General Clark erklärte, daß die zwei Divisionen, die in Oesterreich zu Besatzungszwekken eingesetzt werden, dem Verband der amerikanischen 3. Armee entnommen werden, und zwar die 42. und 65. Infanteriedivision.
General Clark erklärte weiter, daß er das Problem der Fraternisierung in Oesterreich studieren werde, bevor er eine endgültige Entscheidung in dieser Frage fällen wird. Der Standort seines Hauptquartiers in Wien sei noch nicht festgesetzt. Er hoffe, mit den französischen, russischen und britischen Oberbefehlshabern regelmäßige Zusammenkünfte zu haben. General Clark bemerkte, daß General Richard MeCreary, der Befehlshaber der britischen 8. Armee, der Oberbefehlshaber der britischen Besatzungstruppen in Oesterreich sein werde. Als Clarks politischer Berater werde John Ehrhardt fungieren, der den Rang eines Gesandten hat.
Philippinen befreit
New York, 5. Juli. General MeArthür gab heute bekannt, daß die Philippinen nun befreit sind und der Feldzug auf den Philippinen praktisch als beendet angesehen werden kann.
Damit sind 7000 Inseln des philippinischen Archipels mit einer Bevölkerung von 7 Millionen Menschen nach mehr als drei Jahren feindlicher Besetzung in einem der schwersten Feldzüge der Geschichte, welcher mit der Landung auf der Insel Leyte am 20. Oktober vergangenen Jahres begann, befreit worden. Die Streitkräfte MeArthurs, die eine Stärke von 17 Divisionen hatten, vernichteten 23 japanische Divisionen mit einem Stand von
450.000 Mann. Es ist dies einer der seltenen Fälle eines Feldzuges, in dem eine zahlenmäßig überlegene Landstreitmacht von einem zahlenmäßig unterlegenen Gegner völlig vernichtet wurde.
Australische Streitkräfte auf Borneo eroberten das Zentrum der wichtigen Erdölquellen in Balikpapan.
Japans Flotte nirgends mehr sicher
New York, 5. Juli. Der Oberbefehlshaber der Flottenabteilung 58, welche die japanischen Gewässer gesäubert hatte, stellt fest, daß die japanische Schiffahrt in den Gewässern des Pazifik nirgends mehr sicher sei.
Japanischer Todesflieger durch amerikanische Luftabwehr abgeschossen
Ein japanischer Todesflieger stößt während einer der jüngsten Kampfhandlungen im Paein Schiff der amerikanischen Essex=Klasse. Die Japaner haben vom 7. Dezember 1941 bis zum 19. Mai 1945 21.000 Todesflieger verloren. Sie haben einen großen Teil ihrer Luftstreitkräfte, die sie sonst schwer entbehren können, zu dem Versuch eingesetzt, mit einem Todessprung die Decks der amerikanischen Kriegsschiffe zu zerschmettern. Admiral Nimitz, der Oberbefehlshaber der alliierten Marinestreitkräfte im Pazifik, erklärt die selbstmörderischen Angriffe als den Versuch eines Feindes, der sich in einer immer verzweifelter werdenden Lage befindet. Er erklärt auch, daß in den meisten Fällen die Angriffe ver— gebens sind.
Ehrhardt und sein Stellvertreter Cecil Garay erklärten gestern, daß der Aufbau der alliierten Militärregierung dem in Deutschland sehr ähnlich sein wird, daß aber allerdings Aenderungen durchgeführt werden in Anbetracht der Moskauer Erklärung, die ein freies und unabhängiges Oesterreich vorsieht. Die höchste Autorität in Oesterreich wird bei den vier allüerten Oberbefehlshabern liegen. Sie werden einen Exekutivausschuß der vier Mächte
Großo Bewegungen der allierten Heere
Moskau, 4, Juli. In Mitteldeutschland und in Osteuropa finden große Truppenverschiebungen der alliierten Heere statt. In Polen und in der Tschechoslowakei werden die russischen Besatzungstruppen vermindert. Die russischen Garnisonen, die aus dem Innern der Tschechoslowakei abmarschieren, werden nach Mitteldeutschland verschoben. Die britischen und amerikanischen Streitkräfte haben bereits Leipzig, Halle, Plauen, Weimar, Erfurt und Schwerin verlassen.
33 Millionen britische Wähler
Die letzten Stunden vor den Wahlen in England
London, 5. Juli. Heute ist der historische Wahltag, der ersten Parlamentswahlen seit 1935, die nach dem bedeutendsten Krieg der europäischen Geschichte stattfinden. Ueberall auf den britischen Inseln wurden um 7 Uhr die Wahlzellen eröffnet, nachdem am Abend noch alle Parteien intensive Wahlpropaganda bis spät in die Dämmerung durchgeführt hatten.
Ruhige Wahlatmosphäre
London, 5. Juli. Ein trüber Himmel hing über England, als heute Morgen die ersten Wähler vor den Wahllokalen erschienen, um ihrer Bürgerpflicht zu genügen. Viele wählen heute zum ersten Male; viele wählen zweimal, einmal für sich selbst und einmal für einen in der Armee dienenden Verwandten. Die erste Vertretungswahl fand im Stadtteil Holborn statt, wo als erste Wählerin eine Frau das Lokal betrat. Als sie zwei Umschläge abgab, sagte sie: „Ich habe für meinen Gatten gewählt, der in Deutschland stationiert ist. Ich habe abgestimmt, wie er es haben wollte, obwohl ich durchaus nicht seiner politischen Meinung bin.“ Diese Ruhe und Leidenschaftslosigkeit ist charakteristisch für die allgemein herrschende Atmosphäre. Gewalttätigkeiten gegen politische Gegner sind den Briten fremd.
In vielen Bezirken stehen freiwillige Helferinnen bereit, um auf die Kinder aufzupassen, während sich die Mütter in den Wahllokalen befinden.
Für London wird eine starke Wahlbeteiligung vorausgesagt. Aus der Pro
vinz liegen noch keine Meldungen vor. Beobachter haben heute früh in Oxford festgestellt, daß auf einen männlichen nicht weniger als sechs weibliche Wähler entfallen. Theoretisch gibt es
33 Millionen britische Wahlberechtigte,
aber die Unvollständigkeit der Wahllisten, die in der Kürze der Vorbereitungszeit nicht mehr in Ordnung gebracht werden konnten, dürfte diese Zahl um Hunderttausende vermindern.
Die durch die Soldatenstimmen bedingte Komplizierung bringt es mit sich, daß das
Wahlergebnis erst am Nachmittag des 26. Juli
bekanntgegeben werden kann. In einigen Bezirken Nordenglands und Schottlands wird wegen der dort allgemein eingehaltenen Ferienwoche erst am 12., bzw. 19. Juli gewählt werden.
1680 Kandidaten haben sich dem Volk als zukünftige Unterhausmitglieder zur Verfügung gestellt. 640 Parlamentssitze sind zu vergeben. Die Konservativen haben 541 Kandidaten aufgestellt, die Arbeiterpartei 603, die Liberalen 307, die Commenwealthvartei 20 und die Kommunisten 21. Der Rest verteilt sich auf die 74 unabhängigen Kandidaten und auf kleinere Parteien, darunter die schottischen und irischen Nationalisten.
87 Frauen — eine bisher unerreichte Zahl — versuchen, in das Parlament gewählt zu werden, das sich am 1. August zur ersten Sitzung zusammenfinden wird.
Ausrottungsfabrik der Nazi aufgefunden
Kaufbeuren, 5. Juli. Eine Ausrottungsfabrik der Nazi, wo noch immer Hunderte von geistesschwachen oder verunstalteten deutschen Frauen und Kindern getötet wurden, wurde hier vor zwei Tagen von amerikanischen Armeebehörden entdeckt. Die Insassen wurden durch Muskeleinspritzungen oder langsames Verhungern methodisch hingemordet.
Jeder Einwohner dieser kleinen Stadt muß davon gewußt haben, daß hier Menschen systematisch abgeschlachtet wurden, aber weder die Täter selbst, noch die Helfer schienen sich in irgend einer Weise einer Schuld bewußt zu sein, obwohl sie zum großen Teil keine Nazi waren.
Die Oberpflegerin, die eingestand, daß sie innerhalb von zwei Jahren annähernd 210 Kinder durch Muskeleinspritzungen getötet hatte, fragte: „Wird mir irgend etwas geschehen?“ Der Oberarzt wurde gefangen, aber sein Assistent erhängte sich in der Nacht vor der Ankunft der Untersuchungskommission. Eine andere Schwester gab zu, daß sie mindestens 30 bis 40 Personen vergiftet hatte. Verhungerte Menschen, die knapp zwölf Stunden vor Eintreffen der Untersuchungskommission noch gelebt hatten, wurden mit einem Gewicht von ungefähr 30 Kilo aufgefunden. Der dort angestellte Arzt Valentin Falthauser, der 69 Jahre alt ist, wurde verhaftet. Der Assistenzarzt Lothar Gärtner erhängte sich. Die Vergiftungen wurden mit Muskeleinspritzungen durchgeführt und durch
Gifte, die im Essen oder in Getränken verabreicht wurden. Der Tod setzte 2—5 Tage nachher ein. Bei den Patienten trat gewöhnlich eine Lungenkrankheit oder Lungenentzündung auf. Dies wurde als Todesursache auf den Totenscheinen an die Anverwandten angegeben. Die Opfer kamen aus allen Teilen Deutschlands. Die Gesamtzahl der im Institut Getöteten kann nicht ermittelt werden, da die Papiere schon verbrannt waren. Die Sterblichkeit stieg jedoch von der gewöhnlichen Zahl von 6 Prozent im Jahre 1910 auf mehr als 25 Prozent im letzten Jahr.
Ein Denkmal deutscher Schande
Kiew, 5. Juli. (TASS.) In Kiew wurde ein zehn Meter hohes Denkmal zur Erinnerung an die 140.000 im September 1941 ermordeten Russen errichtet. Das Denkmal stellt eine um ihr ermordetes Kind trauernde Mutter dar und trägt die Inschrift „Zur Erinnerung an die von den deutschen Besatzungskruppen zu Tode gequälten 140.000 Bürger“.
Programm der Dreser-Kenferenz in
Berlin, 5. Juli. Die Dreier=Konferenz wird die Frage der Nachkriegsgrenzen, des Bevölkerungsaustausches und der Kriegsentschädigungen umfassen. Die Vereinbarung einer gemeinsamen Politik der Alliierten gegenüber dem besiegten Deutschland wird einen hervorragenden Platz einnehmen.