Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:10
- S.36
Suchen und Blättern in knapp 900 Ausgaben und 25.000 Seiten.
Gesamter Text dieser Seite:
Seite 2 Nr. 100
Tiroler Tageszeitung
Mittwoch, 17. Oktober 199
17. Okt
den Geheimakten der Gestapo
Am 20. Dezember 1942 erging an alle Staatspolizeistellen ein Geheimerlaß, worin vom Reichsführer SS Himmler befohlen wurde, daß sofort, bis spätestens aber 1. Februar 1943. 35.000 Personen den nächstgelegenen Konzentrationslagern zuzuführen sind. Zu diesem Zwecke sind, wie es in diesem Erlaß hieß, alle zur Zeit in Untersuchungshaft befindlichen politischen Häftlinge in das nächste KZ. abzugeben und außerdem sind alle „Arbeitserziehungslager“ sofort zu räumen.
Bei den Dienststellen der Gestapo ging ein allgemeines Munkeln über den Grund dieser Maßnahme los. Die Nazis vermuteten eine neue „Erfindung“, die, in Massenproduktion hergestellt, nun endlich den baldigen „Sieg“ bringen sollte ...
Also, eine bestimmte Zahl mußte bis zu einem bestimmten Tag erreicht sein — ohne Rücksicht auf die armen Menschen, die sich gerade in Untersuchungshaft befanden oder die in einem sogenannten „Erziehungslager“ waren und oft knapp vor ihrer Entlassung standen! Ohne weitere Verhöre, ohne Verhandlung und ohne Urteil — nur um die von oben festgesetzte Zahl zu erreichen, mußten diese Leute in ein KZ. überführt werden!
Ostarbeiter und russische Kriegsgefangene, die das Unglück hatten, unter diese Maßnahme zu fallen, brauchten nicht na
mentlich angeführt werden, bei ihnen genügte lediglich die Angabe der Zahl, wie „60 Ostarbeiter“ usw.
Bereits am 8. Jänner 1943 ging von Innsbruck der erste Transport der auf Grund dieses Geheimerlasses erfaßten Personen ab. Es waren 126 Mann, die ins KZ. Dachau gebracht wurden und die keine blasse Ahnung hatten, warum sie in das KZ. kamen. Gar mancher Innsbrucker, der bei diesem Transport dabei war, wird sich gewundert haben, warum, wieso usw., und auch die Lagerinsassen in Dachau werden sich damals die Massenankünfte nicht haben erklären können.
Von diesen 35.000 unschuldigen Menschen haben in den folgenden Jahren nur wenige die Freiheit wiedererlangt und nur mehr ein Teil von diesen unschuldigen Opfern konnte erst durch den Einmarsch der Alliierten erlöst werden. Der größte Teil ist ja inzwischen gestorben, den Martern erlegen oder vergast worden.
Im Februar 1943 kam zu diesem Geheimerlaß noch ein Nachtrag, in dem es hieß, daß die angeforderte Zahl noch immer nicht erreicht worden und die Ergänzung sofort nachzuholen sei. Die übereifrigen Gestapobeamten bemühten sich natürlich, diesem Befehl gemäß zu handeln, und es folgten bald weitere Transporte unschuldiger Menschen ins KZ.... R. Sp.
Die gesamte Dost unserer Gefangenen in Rußland geraubt
Während hunderttausende Frauen und Mütter in großer Angst und Sorge um das Schicksal ihrer Angehörigen lebten, die in russische Kriegsgefangenschaft geraten waren, und mit Ungeduld auf irgendein Lebenszeichen von ihren Gatten, Brüdern, Söhnen und Vätern warteten, ging die Gestapo her und raubte die gesamte Gefangenenpost aus Rußland und verbot deren Auslieferung an die Angehörigen.
Darüber erfahren wir von eingeweihter Seite: Im Dezember 1942 teilte das Reichs=Sicherheitshauptamt in Berlin in einem Geheimerlaß sämtlichen Geheimen Staatspolizeistellen (Gestapo= und Gestapoleitstellen) mit, daß die Sowjetunion den deutschen Kriegsgefangenen in Rußland die Erlaubnis erteilt habe, an ihre Angehörigen in der Heimat zu schreiben und daß die Post über das Internationale Rote Kreuz (Roter Halbmond) in Ankara befördert werde. Die gesamte Gefangenenpost aus Rußland mußte von der Türkei direkt nach Berlin gesandt und durfte über höheren Auftrag an die Angehörigen nichtausgefolgt werden, angeblich, weil die Bolschewisten die Korrespondenz nicht aus Menschlichkeits=, sondern nur aus propagandistischen Gründen zugelassen hätten!
In Berlin wurden sämtliche Anschriften der Gefangenenpost listen= und ortsmäßig erfaßt und den zuständigen Gestapostellen zur „weiteren Erhebung“ zugeleitet. Diese mußten in den Karteien die politische Gesinnung der Schreiber (Gefangenen) feststellen und nach Berlin melden. So bekam man in Berlin ein Bild über die frühere Parteizugehörigkeit der Gefangenen und die als „rot“ und „schwarz“ bezeichneten Soldaten sollten nach ihrer Heimkehr nach dem „Sieg“ wegen Fahnenflucht, Feigheit vor dem Feinde — und wie die schönen militärischen Phrasen alle hießen, zur Verantwortung gezogen werden!
Der erwähnte Geheimerlaß durfte bei den Gestapo=Dienststellen nur in Umlauf gegeben und seine Kenntnisnahme mußte von den Dienststellenleitern mittels Unterschrift bestätigt werden. Die Namenslisten, die von Berlin einlangten, bekam jedoch außer dem Sachbearbeiter auch bei der Gestapo niemand zu sehen.
So wurde sogar die Gefangenenpost im nationalsozialistischen Zuchthausstaat bespitzelt, damit die Gestapo nach dem „Siege“ sofort „frisches Material“ für neuerliche Vergewaltigungen und Unterdrückungen und für die KZ. in Händen gehabt hätte!
R. Sp.
Amtliche Mittellungen
Enthüllungen über eine britische
Wie jetzt bekanntgegeben werden darf, sandten die Engländer während der Flügelbomben= und „V“=Raketen=Zeit ebenfalls eine V“=Waffe aus. Mit elf Tonnen Sprengstoff beladene veraltete „Fliegende Festungen“ stiegen mit zwei Piloten auf, die den Kurs einstellten und mit men absprangen. Die „Fliegenden Festungen“ wurden dann ferngelenkt und schlugen auf dem schwerbefestigten Helgoland auf, wo sie, wie durch Aufklärung festgestellt wurde, explodierten und beträchtlichen Schaden verursachten. Im September 1944 kam es dabei zu einem un
angenehmen Zwischenfall, als die Steuerung einer dieser unbemannten „Fliegenden Festungen“ versagte. Die Maschine drehte nach Westen und überflog ganz England. überall, wo sie durchkam, wurde Sirenenwarnung gegeben. über Liverpool kreiste die Todesladung mehrere Male, dann drehte das Flugzeug aber über die Irische See ab, ständig von Jägern verfolgt. Zeitweilig sah es so aus, als ob es den Jägern entschlüpfen würde, sodaß auch Amerika vor dem Anflug gewarnt werden mußte, da das Flugzeug genügend Brennstoff für einen Atlantikflug hatte. Schließlich gelang es aber, das herumrasende Flugzeug südwestlich von Irland in den Atlantik abzuschießen.
NOTE
de la Commission des Logements
Dans le but de préciser la situation sctuelle en matière de Logements et d’éviter toute irrégularité, la Commission de Logements présidée par le Colonel Gouverneur Militaire du Tyrol, décider
I. Tout Français et tout Membre des Missions de Liaison Alliées détachées auprés du Commandant Français, occupant un logement (Villa, Appartement, Chambre) dans l’agglomération INNSBRUCK-IGLS, doit etre en possession d’un „Bon d’Occupation“ délivré par les Autorités Françaises.
II. L’Office des Logements (13 MARIA THERESIEN STRASSE) est le seul organisme qualiflé pour délivrer les „Bons d’Oceupation“.
III. Les „Bons d’Ocoupation“ délivrés sur papier vert sont d’un modéle unique indiqué ei-aprés:
Pour etre valable tout hon de ce modéle doit porter:
a) en toutes lettres et écrit lisiblement, le nom et le grade de l’Officler Directeur de l’Office des Logements,
b) La signature de cet Offleier,
c) Le cachet de l’Office des Logements.
IV. Tout „Bon d’Occupation“ non conforme au noveau modéle indiqué au paragraphe II de la présente nôte est sans valeur.
Les anciens „Bons d’Occupation“ délivrés soit par le service des Logements du Génie, soit par l’Office des Logements ou par tout autre organisme cesseront d’etre valables à la date du 25 Oetohre 1945.
En conséquence, à partir de cette date, tout occupant non détenteur d’un „Bon d’Occupation“ du nouveau modéle sera considéré en situation irrégulière.
V. Au préjudice des sanctions encourues par toute personne occupant irrégullèrement un logement, des poursuites judiciaires pourront etre engagées contre les Propriétalres ou locataires d’appartements qui n’auraient pas signalé cette occupation irrégulière aux autorités locales Autrichiennes (Bourgmestre).
En conséquence, les occupants sont tenus de présenter à leur logeur leur „Bon d’Occupation“:
Avant le 25 Octobre, pour les appartements déjà occupés à cette date.
Au moment de l’Occupation pour les appartements occupés ultérieurement.
Le Colonel PIATTE Gouverneur Militaire du Tyrol et Président de la Commission des Logements. signé PIATTE
Eröffnung städtischer Kindergärten
Bleichzeitig mit der Wiederaufnahme des Schulunterrichtes kann nun nach Beendigung der grundlegenden Vorarbeiten auch an die Neueröffnung von städtischen Kindergärten geschritten werden. Es entspricht dies einem dringenden Bedürfnis der kinderreichen Familien sowie der werktätigen Innsbrucker Bevölkerung. Wenn auch derzeit nur eine beschränkte Anzahl von Kindergärten eröffnet werden kann, da Schwierigkeiten verschiedenster Ratur noch hindernd im Wege stehen, so ist doch schon heute damit zu rechnen, daß die Stadt Innsbruck im Rahmen der ihr zustehenden Aufgaben der demokratischen Jugenderziehung mit wohlwollender Unterstützung der französischen Militärregierung alles daransetzen wird, ein gleichmäßig verteiltes Retz von städtischen Kindergärten
im Gebiete von Innsbruck zu schaffen.
Durch die Kriegsereignisse und gewisse üble Nachkriegserscheinungen sind diese Anstalten teilweise sehr stark in
3. Kindergarten Mühlau, Hauptplatz 3, für din gel Mühlau.
Die Einschreibungen für diese drei Kindergärten finde am 18. und 19. Oktober 1945 jeweils von 8 bis 12 Uhr und von 2 bis 5 Uhr in den betreffenden Gebäuben san
Mitleidenschaft gezogen worden und kann daher nur
schrittweise deren Wiederinbetriebsetzung in Angriff genommen werden.
Besonders unangenehm macht sich die Tatsache bemerkbar, daß in den Umsturztagen des Mai 1945 ein Teil der Kindergärten in bedenkenloser Weise ausgeplündert wurde. Ich richte aus diesem Anlaß die eindringliche Aufforderung insbesondere an die Bevölkerung von Pradl, das Inventar des städtischen Kindergartens Pembaurstraße 20, der seinerzeit als modernster Musterkindergarten weit über die Grenzen des Landes bekannt war, bis 22. Oktober 1945 wieder dem Stadtschulamt zur Verfügung zu stellen, da ich sonst genötigt wäre, Polizeimaßnahmen in größerem Umfange durchzuführen. Je mehr die Stadtverwaltung bei den Wiederaufbaumaßnahmen aktiv von der Innsbrucker Bevölkerung unterstützt wird, umso eher werden die öffentlichen Einrichtungen und damit
auch die städtischen Kindergärten klaglos ihre Tätigkeit entfalten können.
Vorerst ist ab 23. Oktober 1945 die Eröffnung folgender städtischer Kindergärten vorgesehen:
1. Kindergarten St. Rikolaus, Innstraße 97, für den Sprengel Mariahilf und St. Nikolaus.
2. Kindergarten Schlachthofblock, Erzherzog=Eugen
Straße 25, für den Sprengel Saggen und Pradler
Saggen.
keit der Anstalten überschreiten, behält sich das Stef. schulamt eine Auslese der bedürftigsten Kinder Anmeldung sind Geburtsschein des Kindes und anmeldeschein des Vaters oder gesetzlichen Vertretets de,
zubringen. Anmeldungen von Kindern aus anderen Stadt, teilen für diese drei Kindergärten müssen vorerst unterbln, ben. Für die gesundheitliche Betreuung der Kinder dus das städtische Gesundheitsamt ist Vorsorge getroffen.
Die Eröffnung von weiteren städtischen Kindergann wird rechtzeitig bekanntgegeben.
Dr. Anton Melzer, Bürgermeisten.
Oberversicherungsamt Innsbruck
Zufolge Ermächtigung der französischen Militärregiem, hat das zur Entscheidung von Berufungen gegen die B. scheide der Versicherungsträger zuständige Oberversch rungsamt Innsbruck (Karl=Kapferer=Straße 7) Spruchtätigkeit in Sozialversicherungssachen, soweit e# ## um Fälle in Tirol und Vorarlberg handelt, wieder auf## nommen. Die Urteile ergehen „Im Namen des Östennchischen Volkes“.
Anmeldung von Reichsdarlehen
1. Wer von welcher Stelle immer des bestandenen Gutdeutschen Reiches mittelbar oder unmittelbat lehen aus Reichsmitteln bezogen hat, wird hini verpflichtet, diese Darlehen gleichgiltig, ob dieseln noch ausstehen oder ganz oder teilweise bereits nabezahlt sind, unter Angabe der Stelle, von der, und des Zweckes für welchen und des Zeitpunktes wan sie gewährt wurden, der Darlehenshöhe und der Riczahlungsbedingungen sowie der Höhe der allenfah noch ausstehenden Restschuld binnen längstens 14 gen vom Tage dieser Kundmachung an gerechnet ba der Finanzlandesdirektion in Innsbruck anzumeln
2. Der gleichen Anmeldepflicht unterliegen Subventiom jedweder Art unter Angabe der Höhe und des Zweckg für welchen und des Zeitpunktes, wann sie währt wurden.
3. Ausgenommen von der Anmeldepflicht sind Ehestankdarlehen, soferne diese nach den diesfalls bestehendn gesetzlichen Bestimmungen und unter den üblichen N. dalitäten empfangen wurden.
Wer sich der Anmeldepflicht entzieht, hat mit dem so fortigen Verfall der noch ausstehenden Darlehensrestschn bzw. dem Entzug der Subvention und gemäß § 202 R9d. mit einer Ordnungsstrafe bis zu 5.000 RM zu rchm Finanzlandesdirektion Innsbruck.
Konferenz der k
erste Bezirksfun
siunm grundlegens
eine
brei demokratische
erte in einer we
sammenschluß.
Abgäng
Ludwig
in Sachsenburgh.
wohnhaft Pund M.
kane mitags, von narsch nach Landeen
bruck angetreten, wo
ersten Abendzug eint forschungen über ergebnislos. Persons
kräftige Erscheinung,
#ugen und Haare b teine besonderen er Knickerbocker=S bergschuhe, barhäu
und großer khakifort Angaben für die A Kriminalabteilung In
Ein Seme
Steuerpflicht
Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß weiterbit die Verpflichtung besieht, die Eröffnung eines land= un fortstwirtschaftlichen Betriebs, eines gewerblichen Betne oder einer Betriebsstätte, oder den Beginn einer sond gen selbständigen Erwerbstätigkeit binnen 2 Wochen si dem meldepflichtigen Ereignis zu melden (§ 165 d 95s.! Reichsabgabenordnung).
Die Meldung hat hinsichtlich eines land= und forstwit schaftlichen Betriebs oder einer sonstigen selbständigen E werbstätigkeit beim Finanzamt, hinsichtlich eines gewelichen Betrieb oder einer Betriebsstätte bei der Gememde behörde zu erfolgen, in deren Bezirk der Betrieb aderd Betriebsstätte eröffnet oder die Betriebstätigkeit begonnu wird. Das Finanzamt und die Gemeindebehörde sind zwecl Durchsetzung dieser Verpflichtung zur Anwendung m Zwangsmitteln befugt.
Es besieht auch weiterhin die Verpflichtung, bei # offnung eines gewerblichen Betriebs ohne besonder As forderung seitens des Finanzamtes den Buchführungsven schriften der §§ 160 ff der Reichsabgabenordnung Du ordnung über die Führung eines Wareneingangsbuchsu# nachzukommen — insbesondere Lohnkonten einzurichteni umsatzsteuerliche Aufzeichnungen zu führen — die Lir steuer einzubehalten und abzuführen sowie die Voraut zahlungen auf die Umsatzsteuer zu leisten.
Nähere Auskünfte über die steuerlichen Unternehmt pflichten erteilen die Finanzämter.
Finanzlandesdirektion für Tirol in Innsbruck.
Univer* Die Universität gibt mester auch ein erstes
Maschinenbau, Elektrote pird. Die Studenten w angeschlagenen Stundenr i# Vorlesungen: Monta fist dauert bis 31. Okte
Reifeprüfungs=Lehrkurse für Heimkehrer. Zwecks Fissetzung der Stunden für die bereits angekündigten Leön kurse ist eine Besprechung mit den Teilnehmern notwends um eine möglichst allseitig befriedigende Lösung der Zeib frage zu finden. Diese Aussprache findet am 19. Okt., um 5 Uhr abends im Gymnasium, 1. Stec Konferenzzimmer, statt. Es werden hiemit alle Ine essenten zur Teilnahme eingeladen.
Die Bezirksbauernsch 18. Oktober 1945 finde n Auftrieb von Zuchtiim dort sein Vieb ver #fteieb sind die Einke nd Bauern aus dem D der Bezirksbauernschaft aus anderen Bezirken o Die Verladung von Vi bringung außerhalb des sceinpflichtig. Bei diese ten Höchstpreise streng 1.Klasse: 1200—1000 9 3. Klasse: 800—600 2000—1500 RM.;
3. Klasse: 1200 RM. 1 Der Tiroler Grauvie Zuchtviehversteigerungen und Samstag, den 24 Landeck ab. Zum Auftri ca. 130 Stiere tinzige Möglichkeit, gekö Der Verband ladet dah neinden und Privatstic
tungen höflich ein.
Zeitungspe
Lagerinnen)
Verlagsanstal
Straße 4, 2.
Copyright by „Tiroler Tageszeitung“
Dipkomatie, Jresse und Jolitik
im Deitten Reich
Aus dem Tagebuch eines Journalisten 6. Fortsetzung
Warum floh Rudolf
Am Spätnachmittag des 12. Mai 1941 heulten in Augsburg die Sirenen. Auf Anweisung der Staatspolizei wurde Fliegeralarm gegeben, obwohl keinerlei Luftgefahr bestand. Zum Erstaunen der Gefolgschaft der vor den Toren der Stadt gelegenen Messerschmitt=Flugzeugwerke, die sich in die Luftschutzkeller begab, starteten in diesem Augenblick vom Versuchsflugfeld zwei geheimnisvolle Passagiere mit einer seit Tagen für einen Fernflug vorbereiteten „Me 109“ mit unbekanntem Ziel in den Abendhimmel. Eine Stunde später unternahm die gleiche Maschine eine zweiminutige Zwischenlandung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, um sofort nach Amsterdam weiterzufliegen, wo getankt und der zweite Passagier abgesetzt wurde und der auf ebenso geheimnisvolle Weise
verschwand. Mit hereinbrechender Dunkelheit startete die „Me 109“ von dem holländischen Flughafen Shiphool mit Kursrichtung Kanalküste. Noch am gleichen Abend gab der deutsche Rundfunk die von Hitler selbst verfaßte sensationelle Spitzenmeldung durch, der Parteigenosse Rudolf Heß sei in Augsburg zu einem Flug gestartet und nicht mehr zurückgekehrt; ein zurückgelassener Brief zeige in seiner Verworrenheit die Spuren einer geistigen Zerrüttung
Unbemerkt von der britischen Luftabwehr war Heß gegen 11 Uhr nachts in Schottland in der Nähe der Besitzung eines bekannten englischen Politikers, der vor dem Krieg oft in Deutschland war, mit dem Fallschirm abgesprungen. Am nächsten Tage war die Weltpresse um eine Sensation reicher: Flucht des Stellvertreters des Führers aus Deutschland nach England! Die „Nationalsozialistische Parteikorrespondenz“ teilte in einem einzigen kurzen Kommentar dem deutschen Volke unter anderem mit, „daß Heß in dem Wahn gelebt hätte, durch einen persönlichen Schritt bei ihm von früher her bekannten Engländern doch noch eine Verständigung zwischen Deutschland und England herbeiführen zu können“. Die bloße Erwähnung des Namens Heß war seitdem in Deutschland
verboten. Die Flucht des nächst Hitler prominentesten Naziführers ins Ausland am Vorabend des Krieges gegen Rußland, die eine größere fliegerische Leistung als ein politisches Abenteuer ist, wurde wegen ihrer mysteriösen Hintergründe immer wieder mit dem Schleier des Geheimnisses umwoben und Heß Initiativen unterstellt, die er nie gehabt hat.
Das Doppelspiel um England
Die Ironie des Schicksals will es, daß Heß in diesen Tagen fast die gleiche Flugstrecke wie vor viereinhalb Jahren zurücklegte. als er von England über Berlin nach Nürnberg gebracht wurde, um als Kriegsverbrecher abgeurteilt zu werden. Der Prozeß wird auch diesen Mann endgültig seines Nimbusses entkleiden und ihn als das ausweisen was er immer war: ein brutaler Romantiker und willfähriges Werkzeug zur Verwirk
lichung der imperialistischen Pläne Hitlers. Aus zwei Gründen bediente sich der „Führer“ mit Vorliebe seines Stellvertreters. Wo immer er in der öffentlichkeit auftrat, hatte Heß die Rolle des bescheidenen, soliden, revolutionär gebliebenen Parteigenossen zu spielen, des Mannes, der — im schlichten Braunhemd — das Paradestück der Nazipropaganda für den kleinen Mann darstellte und der daher auch den Auslanddeutschen als „Schutzpatron“ vorgesetzt wurde. Darüber hinaus war Heß Hitler völlig ungefährlich. Das Steckenpferd fast aller Naziführer war die Außenpolitik. Als Auslanddeutscher — in Kairo geboren —, der erst in seinem 20. Lebensjahre erstmalig deutschen Boden betreten hatte, hielt sich auch Heß für die Außenpolitik besonders geeignet. Da sich Hitler für
politisch=diplomatische Missionen nie des Auswärtigen Amtes, selten seiner Botschafter, mit Vorliebe aber seiner Reichs= und Gauleiter bediente, glaubte sich jeder prominente Nazi schon aus Eitelkeit und mangelnder Selbstkritik zu diplomatischen Geschäften berufen. Aus einer Mischung von überheblichkeit, Unkenntnis, Geltungsbedürfnis und Verkennung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse entstanden jene hektischen Entscheidungen, die die Welt jahrelang herausforderten und zwangsläufig zur Katastrophe führten.
Hitlers heimlichster Wunschtraum war die Ablösung Englands von seiner weltbeherrschenden Stellung; nicht etwa in der Form einer deutschen Junior=Partnerschaft, der damals auch namhafte Engländer das Wort redeten, sondern durch die deutsche Vorherrschaft! Heß kannte weniger Hitlers Pläne als seine Art, auf die Einflüsterungen seiner Umgebung zu reagieren. Diese Umgebung
bemühte sich so zu sprechen, wie sie glaubte, an leichtesten Hitlers Beifall zu finden. Nach den Polen= und Westfeldzug waren es in erster Lini die Militärs, die plötzlich die ganze Welt eroben wollten und Hitler zum „größten Feldherrn allet Zeiten“ machten. Die bei allen früheren militäirischen Aktionen von Hitler und dem Parteiapparat Getriebenen waren plötzlich die Antreiber und lautesten Verfechter der Unfehlbarkeittheorie des Führers und seiner Welteroberungs gedanken. Hinzu kamen als „Fachberater“ fü Ostfragen der baltische Reichsleiter Rosenberg und der Ostpreußen=Gauleiter Koch, der drei Tage vor dem Ausbruch des Ostfeldzuges dem da maligen japanischen Botschafter in Berlin Oshima, laut erklärte: „Exzellenz, zwischen Königsberg und Wladiwostok liegt ein
Niemandsland; wir treffen uns und teilen in der Mitte Es war die Zeit, als die Propagandaleitung der NSDAP. als Parole für die Reichsredner der Partei das Stichwort ausgab: deutsche und japanische Truppen reichen sich eines Tages irgendwo in Indien die Hand ...
Heß war nicht nur der Schirmherr der Aus landdeutschen, sondern auch der Schutzpatron der Naturheilkundigen. Als durch und durch kranker Mann sammelte er Arzte mit ausgefallenen methoden um sich Favorit war der aus München stammende Naturheilkundige Dr. Schmidt, der in Berlin=Charlottenburg seine zweifelhafte Praxis ausübte und dessen Ruf als Gewaltmensch größer war als der als Arzt. Gleichzeitig hatte Hes eine krankhafte Neigung zum Okkultismus, Spiritismus und Magnetismus und spielte in diesen Kreisen eine fördernde Rolle. (Forts. folgt)