Tiroler Tageszeitung 1945

Monat:8

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Ubeise
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summer 60 / 1. Jahrgang
Einzelpceis 15 Plg.

die österreichische Bevölkerung
Redaktionelle Einsondungen an die Schriftleitung der „C. C.“, Innsbruck, Andreas-Hoser-Str. 4. — Druck: Trrolia, Innsbruck, Andreas-Hofer-Str. 4
Freitag, 31. Rugust 1965
Für die Heranbildung einer
österreichischen Jugend
Wir veröffentlichen den folgenden Aufsatz als einen Beitrag zum Thema der Erziehungsfragen, deren Erörterung wir, nachdem wir den verschiedenen Standpunkten Gelegenheit geboten haben, sich der öffentlichkeit vorzustellen, hiemit abschließen. Die Schriftleitung.
Es mag paradox scheinen und ist es doch nicht, daß gerade im Führerstaate unserer Jugend jede Achtung vor einer Autorität systematisch genommen wurde. Die Autorität der Eltern wurde untergraben, die Stellung des Lehrers als Erzieher völlig ausgeschaltet. Die HJ. — das war die Erziehungsmacht der Jugend im Dritten Reich. Und in der HJ. wurden Gleichaltrige zu Erziehern und Führern. Was dabei gesündigt, was an unserer Jugend verbrochen wurde, es ist zu lebendig, als daß man darüber Worte verlieren müßte.
Da heißt es wirklich neuen Boden legen. So verführerisch schön das Schlagwort klingen mag: „Der Jugend die Jugend!“ — nie ist es so mißbraucht worden und nie hat es eine schärfere Verurteilung erfahren als in der verflossenen Zeit und ihren Katastrophen.
Elternhaus und Schule müssen in gegenseitigem Vertrauen, Verstehen und Erganzen wieder Autoritäten unserer Jugend werden, nüssen weise, wohlwollende Berater und Führer, aber auch strenge Richter sein.
Unsere Freiheitsliebe, unser demokratischer Sim, unser österreichisches Empfinden wird uns schon den richtigen Weg weisen. Selbstverständlich wollen wir jeder Prügelpädagogik spinnefeind sein, trotzdem aber werden wir von Zucht sprechen und Zucht üben und verlangen müssen. Scheuen wir uns nur nicht, dies zu sagen und — zu tun! Zucht kommt von Ziehen — und wir wollen ja ziehen, erziehen und — dies erwartet man heute auch von uns.
Je mehr wir gerade in Schul= und Erziehungsfragen auf billige und aus den verflossenen Jahren recht anrüchige Schlagworte verzichten, um so ehrlicher stellen wir uns auf die große Aufgabe ein, die wir zu bewältigen haben. Dies trifft Eltern wie Erzieher gleichermaßen. Hüten wir uns vor jedem Dilletantismus, vor jeder übertreibung! Auf keinem Gebiete könnte dies teurer bezahlt werden als auf dem der Erziehung. Wir dürfen auch nicht von einem Extrem ins andere fallen, es genügt nicht, daß nur die „Vorzeichen“ geändert werden.
Ein neuer, wahrhaft demokratischer, sozial fortschrittlicher Staat soll unser Österreich werden; in ihm soll sich ein wirklich freies, friedliebendes Volk bessere Zeiten, eine schönere Zukunft schaffen. Und wie die Verantwortlichen bei der Erfüllung dieser schweren Aufgaben nach neuen Mitteln und Wegen suchen müssen, so müssen wir es auch in den Fragen der Erziehung halten. Wir wollen dabei auf allen Schein, auf alle billigen formaldemokratischen Essenzen verzichten! Lenin selber sagt: „Revolutionär sein heißt, das Erreichbare erkämpfen, jedes übermaß ist Utopie.“ Utopisch scheint es mir, heute schon etwa von Schülerselbstverwaltung, von Elternräten usw. sprechen zu wollen. Dies kann nur die letzte Stufe, die Vollendung sein, wenn — ja wenn wir einmal zu
wirklichen Demokxaten geworden sind!
Es genügt meines Erachtens auch nicht, daß wir uns in bequemer Art einzig und allein auf Lehrplan und Grundsätze stützen, wie sie bis zum 13. März 1938 in Gültigkeit waren. Bekennen wir nur: Wie seinerzeit in unserer Politik, so war auch in unserer Erziehung so manches faul, schlecht und fehlerhaft. Und aus den erkannten Fehlern zu lernen — ist Gebot eines jeden von uns!
Der nationalsozialistische Führerstaat verlangte eine nationalsozialistische Schule und dementsprechend war auch die Erziehung parteipolitisch abgestimmt. Im neuen österreichischen Staat sollen in demokratischer Art alle Parteien an der schweren Aufgabe, für das große Ziel arbeiten — ein glückliches Volk in einem friedlichen österreich. Unsere schulische Erziehungsarbeit kann und muß endlich frei sein von jeder Parteipolitik, sie soll österreichische Menschen erziehen. Bewußte Österreicher — das müssen wir aus unseren Kindern machen; im Leben, als Jugendliche werden sie dann schon weltanschaulich erfaßt werden und ihren po
litischen Weg in einer der demokratischen Parteien unseres österreichischen Staates gehen.
Wir haben die furchtbaren Folgen des Einparteiensystems erlebt. Gewiß birgt das Mehrparteiensystem durch die Aufspaltung eines Volkes auch seine Gefahren in sich. Sie
werden aber um so kleiner sein, je mehr wir unsere Erziehungsaufgabe darauf einstellen, unsere Jugend vor allem zu guten, aufrechten Österreichern zu erziehen und der herrlichen Devise des großen Meisters folgen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut ..
Gustav Kuprian.
Kriegsverbrecher unter Anklage
Die erste Liste enthält 24 Namen
Nürnberg, 30. August. Die erste Liste der Kriegsverbrecher ist jetzt veröffentlicht worden. Sie enthält folgende 24 Namen: Göring, Heß, Ribbentrop, Ley, Rosenberg, Hans Frank, Ernst Kaltenbrunner, Wilhelm Frick, Julius Streicher, Generalfeldmarschall Keitel, Wirtschaftsminister Funk, Reichsbankpräsident Schacht, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Großadmiral Raeder, Großadmiral Dönitz, Baldur v. Schirach, FriSauckel, Speer, Martin Bormann, Franz v. Papen, Generaloberst Jodel, Außenminister v. Neurath, Hans Fritsche. Die Verhandlungen gegen diese sollen im Oktober beginnen. Der öffentliche Ankläger Jackson ist bereits in Nürnberg eingetroffen. Bei seiner Durchreise durch Rom wurde er vom Papst in Audienz empfangen.
Der Gerichtshof für die Kriegsverbrecher
wird über folgende Verbrechen urteilen: Verbrechen gegen Intrigen durch Planung, Vorbereitung und Entfesselung eines Angriffskrieges oder eines Krieges unter Verletzung bestehender Verträge, Ermordung, Mißhandlung und Zwangsverschleppung von Angehörigen der Zivilbevölkerung besetzter Länder, Verbrechen gegen das menschliche Sittengesetz durch Ermordung, Ausrottung und Zwangsverschickung von Zivilpersonen irgend eines Landes sowie durch Verfolgung aus politischen, rassischen oder sonstigen Gründen.
Die Angeklagten haben das Recht auf volle Verteidigung und die Urteile werden mit Stimmenmehrheit gefällt. Gegen sie gibt es keine Berufung oder Nichtigkeitsbeschwerde. Die Vollstreckung erfolgt nach den Weisungen des alliierten Kontrollrates für Deutschland.
Tiroler Landesversammlung
In den historischen Räumen der Innsbrukker Hofburg ist am Dienstag vormittags die Tiroler Landesversammlung erstmals nach sieben Jahren wieder zusammengetreten. Ein bedeutungsvolles Ereignis, weil es die erste Landesversammlung war, die überhaupt in österreich die Vertreter des Volkes zu politischer Beratung zusammenführte. Es ist der erste Schritt zur Verwirklichung der Demokratie im Lande Tirol, der Mitbestimmung einer Volksvertretung an den öffentlichen Geschicken des Landes.
Wenn auch die Tiroler Landesversammlung heute noch keine Körperschaft darstellt, die aus geheimem freiem Wahlrecht hervorgegangen ist, so bedeutet sie dennoch mehr als etwa der autoritäre Landtag der Jahre 1934 bis 1938, denn dieser bestand ausschließlich aus Vertrauensmännern der Regierung. Die gegenwärtige provisorische Tiroler Landesversammlung besteht aus 26 Mitgliedern, von denen 13 der österreichischen Volkspartei, 7 der sozialdemokratischen Partei, 3 den Kommunisten und 3 der österreichischen demokratischen Freiheitsbewegung angehören.
Die provisorische Tiroler Landesversammlung ist nicht der alte Tiroler Landtag mit seinen demokratischen Rechten, der allein über die Geschicke des Landes, seine Gesetzgebung und seine Rechtsverhältnisse zu entscheiden hatte. Sie ist nur ein beratendes Organ der Tiroler Landesregierung. Immerhin aber kann sie in wichtigen Landesfragen die Stimme des Volkes zur Geltung bringen und, wenn auch nicht seinen Willen vollführen, so ihm doch Gehör verschaffen.
Die französische Militärregierung für Österreich hat als erste der alliierten Militärregierungen gestattet, daß eine politische Volksvertretung in einem der österreichischen Bundesländer Sitz und Stimme erhält. Es ist wohl anzunehmen, daß die demokratischen Parteien von diesem Entgegenkommen jenen Gebrauch machen, wie er im Wohle und im Interesse des Landes Tirol gelegen ist.
Ein Wunsch für Österreich
Wie aus Los Angeles berichtet wird, war eine der letzten Außerungen des in Amerika gestorbenen österreichischen Schriftstellers Franz Werfel der Wunsch, daß Österreich von den Vereinten Nationen als neutraler Staat erklärt werden würde.
taten zu bereuen. Er erklärte, die Japaner müssen ihren Rassedünkel und den Wahn, ein Herrenvolk zu sein, aufgeben.
Der Sender Tokio meldet, daß das Hauptquartier der alliierten Besatzungsstreitkräfte in Yokohama eingerichtet wurde.
Neuestes vom Tage
Der SS.=Standartenführer Franz Ziereis, der sechs Jahre lang Lagerleiter des Konzentrationslagers Mauthausen war und der nachgewiesenermaßen selbst 400 Häftlinge ermordet hat und auf dessen Befehl viele Tausende erschossen wurden, ist auf der Flucht erschossen worden.
In einer Pressekonferenz zu Ottawa erklärte General de Gaulle, Frankreich und Canada sollten so viel wie möglich zusammenarbeiten.
Unter den Österreichern in England fand eine freiwillige Abstimmung statt über das Vorhaben heimzukehren oder in England zu verbleiben oder anderswohin auszuwandern. Bei einer ersten Abstimmung, die tausend Personen umfaßte, wurden 74 Prozent der Stimmen für die Rückkehr nach Österreich abgegeben. 19 Prozent haben sich noch nicht entschieden, 4 Prozent wollen nach den USA. auswandern und 3 Prozent wollen um die britische Staatsangehörigkeit ansuchen.
Im amerikanischen Senat wurde mitgeteilt, daß die Vereinigten Staaten in Japan eine Besatzungsmacht von 830.000 Mann und eine Besatzungsmacht von 370.000 Mann in Europa halten werden. Das amerikanische Heer umfaßt zur Zeit 8 Millionen Mann, die amerikanische Marine 3,330.000 Mann.
Präsident Truman veröffentlicht jetzt die genauen Berichte über den japanischen Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941. Damals wurden 90 Kriegsschiffe der japanischen Marine versenkt oder beschädigt und gewisse Küstenanlagen zerstört. 80 Marineflugzeuge und 97 Heeresflugzeuge wurden vernichtet. Die Menschenverluste betrugen bei der Marine 2117 Tote, beim Heer 206 Tote. Die Untersuchungen ergaben, daß den Befehlshabern Pflichtverletzungen nachgewiesen werden konnten.
Friedensangebote
vor der Akombombe
Washington, 30. August. Außenminister Byrnes gab auf einer Pressekonferenz bekannt, daß Japan zweimal versucht habe, sich einen Verhandlungsfrieden zu sichern, bevor die Atombombe eingesetzt wurde.
Der japanische Ministerpräsident hat das japanische Volk aufgefordert, seine Misse
Womit wird im kommenden Winter geheizt?
Aufruf zur Selbsthilfe an die Innsbrucker Bevölkerung
Jede neue Woche, die uns dem Winter näher bringt, stellt uns mit Unerbittlichkeit vor neue ernste Probleme. Eines der größten ist ohne Zweifel die Versorgung unserer 23.000 Innsbrucker Haushalte, der Behörden und der Betriebe mit dem Brennstoffbedarf für den ganzen Winter. Ohne Beschönigung muß die Bevölkerung auf eine Tatsache hingewiesen werden: Es gibt heuer keine Kohlen und keinen Koks, es wird infolgedessen keine einzige Zentral= oder Etagenheizung in Betrieb gesetzt werden können. Ein jeder muß sich aus eigener Verantwortlichkeit Gedanken machen, wie er sich auf Einzelofenheizung umstellen kann, Behörden und dergleichen müssen heute schon darüber nachsinnen, wie sie unter Verzicht auf Bequemlichkeit und Repräsentation auf engstem
Raum zusammenrücken können. Gewiß, der Gedanke ist ungewöhnlich, einen Winter lang ohne Kohle heizen zu müssen, darum tut man gut, sich heute schon daran zu gewöhnen.
Wie wird nun Innsbruck voraussichtlich versorgt werden können? Das Kohlenbergwerk in Häring kann an die Stadt Innsbruck pro Woche vorerst höchstens 60 Tonnen Kohle liefern, was kaum genügt, um die notwendigsten Nahrungsmittelbetriebe zu versorgen. Davon etwas für den Hausbrand abzugeben, ist unmöglich. Auch muß rechtzeitig vor einem übertriebenen Optimismus gewarnt werden, der sich auf die Beheizung mit Elektrizität gründet. Denn da unsere Stromnetze nur eine gewisse Belastung vertragen, können keineswegs unbegrenzt Heizgeräte angeschaltet werden, zumal auch hier der öffentliche Bedarf dem privaten vorgeht. Daher muß auf den einheimischen Brennstoff, das Holz, von der Stadtverwaltung ebenso wie von den Behörden und der Bevölkerung
zurückgegriffen werden. Selbstschlägerung durch Betriebe Da die reguläre Versorgung durch den Handel infolge der vorgeschrittenen Jahreszeit nicht mehr möglich ist und die der Stadtverwaltung zur Versügung stehenden Holzbestände außerordentlich gering sind, gibt es nur den Weg der Selbsthilfe. Die Aktion der Selbstschlägerung des Brennholzes durch die Betriebe ist inzwischen in Angriff genommen worden. Dabei besorgen sich die Betriebsgemeinschaften nicht nur das Holz für die Betriebsräume, sondern gleichzeitig in Gemeinschaftshilfe eine Mindestmenge von Brennholz für die Haushalte der Betriebsangehörigen. Auf diese Weise werden rund 2200 Familien versorgt. Da sich bis heute bereits 62 Betriebe beteiligen, können schon 2200 Familien auf ihr
Winterbrennholz rechnen. Sobald die öffentlichen Dienststellen in
Innsbruck sich dieser Aktion anschließen, werden damit weitere 2000 Haushalte versorgt werden. Die ersten Lieferungen sind bereits in Innsbruck, der Abtransport erfolgt reibungslos und die Beobachtungen haben ergeben, daß auf diesem „Betriebsausflug“ froh und erfolgreich gearbeitet wird. Die Erkenntnis, die schon vielfach daraus gezogen wurde, lautet: Wer heute in irgend einem Betriebe beschäftigt ist, kommt rasch und sicher zu seinem Brennholz.
Versorgung der übrigen Bevölkerung
Nun gibt es aber so und so viele einzelstehende Personen, abgesehen von Arzten, Kranken und alten Leuten, die nicht in der glücklichen Lage sind, sich durch Betriebsschlägerung das Holz zu verschaffen. Für sie will die Stadtverwaltung die nötigen Holzmengen zu beschaffen versuchen. Im übrigen besteht durchaus die Möglichkeit umlagefreies Holz von Waldbesitzern zu kaufen; seine Einfuhr ist bei Ausstellung eines Einfuhrscheines bei der Kohlenstelle des Wirtschaftsamtes freigestellt. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, daß eine wilde Holzfällerei erlaubt sei.
Ausgabe von Brennmittelkarten
In den nächsten Tagen werden von den Kartenstellen Fragebögen für die Brennmittelbeschaffung ausgegeben, die im eigenen Interesse genau auszufüllen sind, damit ein überblick über den Gesamtbedarf gewonnen werden kann. Grundsatz bei der Versorgung ist, daß jede Wohnung 2 Raummeter Brennholz erhalten soll, damit es überall einen warmen Wohnraum gibt Für Untermieter über 60 Jahren oder solche mit einem Kind unter 12 Jahren gibt es die gleiche Menge. Wer noch Brennmittelvorräte hat, möge diese ehrlich angeben, nicht nur, weil Nachprüfungen der Angaben durchgeführt werden, sondern auch, weil es nicht der Sinn der neuen Zeit ist, in so einer ernsten Frage sich um ein Opfer zu drücken.
Die ausgefüllten Fragebögen werden bei den Kartenstellen eingesammelt, überprüft und in der nächsten Kartenperiode mit den Lebensmittelkarten ausgegeben; die Abschnitte werden je nach der Vorratslage aufgerufen.
Das städtische Wirtschaftsamt hat mit dieser Planung einen völlig neuen Weg beschritten, der Erfolg der Aktion setzt wahren Gemeinsinn der Stadtbevölkerung voraus über Einzelheiten der Durchführung, z. B. der Selbstschlägerung der Betriebe und dergleichen werden fortlaufend im Rundfunk, bzw. in der Presse die nötigen Aufklärungen gegeben, die im eigenen Interesse verfolgt werden mögen. Dr. Kugler.